Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. September 1913 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 19. September 1913.
Liebe Freundin!
Ihre lieben Zeilen haben mich viel beschäftigt. Es ist mir noch nicht möglich gewesen, dazu eine klare Stellung zu gewinnen, und ich glaube auch nicht, daß nun - nach 5 Wochen täglichen Zusammenseins - ein kurzer Brief eine Klärung hervorbringen kann, die besser wäre als das, was wir uns sagen konnten. Da Sie aber eine Auseinandersetzung wünschen, so muß ich Ihnen natürlich auch ganz offen sagen, was ich denke. Meine Abneigung gegen solche Briefe kennen Sie ja.
Seit 10 Jahre kennen wir uns. Unsre Verbindung war anfangs eine Freundschaft, seit dem Tode meiner Mutter ist sie mehr. Wir sind mehr und mehr ineinander gewachsen, so daß wir heute kaum noch sagen können, wo die Grenzen unsrer Seelen und unsrer Schicksale
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| liegen. Wir sind Eine Seele und Ein Schicksal. Aber es ist mir nicht leicht, das hier so hinzuschreiben, weil alle Worte konventionell sind, und weil jedes mißverständlich ist. Ich habe diese Gemeinsamkeit gelebt, gefühlt, genossen, das ist mir genug. Und wir sind auch diesmal auseinander gegangen mit der Sehnsucht auf das nächste Mal.
Dabei kennen wir unsre Eigenheiten ganz genau. Sie sehen mir manches nach, vielleicht zu vieles, weil Sie mich meist als Patienten behandeln. Umgekehrt bin ich seit langem gewöhnt, daß bei Ihnen von Zeit zu Zeit eine Periode der Selbstquälerei einsetzt. Ich könnte sie Ihnen datieren. Diesmal hatte ich mir vorgenommen, wenn das auf der Reise wiederkäme, es Ihnen einfach zu sagen: ärztliche Prognose. Es kam nicht, und ich freute mich darüber. Aber es kommt nun nach. Sie werden natürlich sagen, daß ich da etwas sehr Tiefes und Zartes allzu leicht nehme und nach gewohnter Art spotte. Ich glaube nicht ganz, daß es so ist. Denn eigentlich müssen Sie doch wissen und wissen es ganz genau, daß ich
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| das feinste Echo für Ihr Wesen in mir trage und daß ich nach den durchlebten Jahren keinen Materialismus in Ihnen mehr vermuten kann.
Wenn da also etwas Objektives liegt, so muß es etwas andres sein. Sie haben mich provoziert, darüber zu reflektieren. Ganz lieb ist mir das nicht. Denn Reflexion verfeinert das Leben, wie es zwischen uns ist, nicht. Sie zerrt unnötig die Tiefen ans Tageslicht, und es kommt dann leicht das Mißverständnis auf, als ob ich Sie gewaltsam umbilden möchte, als sollten Sie anders sein als Sie sind, als achtete ich nicht diese Freiheit, die doch jeder weniger hohe Mensch schon hat, nämlich das zu sein was er ist, und durch das zu wirken, was sein Eigenstes ist. Sie haben das auch bei andern nicht gemacht. Ich maße mir wohl an, Ihren Reiseplan zu machen, Ihre Art des Packens zu tadeln und Ihre Ansichten über Müller und Schulze, über den Hasen und das Hochland von Tibet zu verwerfen. Aber Ihr Wesen möchte ich um alles in der Welt nicht anders haben als es ist. Ich liebe Sie, nicht Ihr Ideal.
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Nun aber sagen Sie, das, was ich Ihren Naturalismus nenne, das treffe eben Ihr Wesen, oder, was hierfür dasselbe bedeutet: es treffe eben Ihr Wesen nicht. Soll ich nun darüber reden, dann vergessen Sie bitte nicht, was ich eben gesagt habe.
Wir sind nicht durch das verbunden, was uns anfangs zusammengeführt und den ersten Inhalt unsrer Korrespondenz gemacht hat: die Philosophie. Ein ganz eignes Schicksal, das ich als höchste Fügung preise, hat zeitweise die Philosophie verdrängt und uns ganz als arme ringende Menschen mit ihrer Qual und ihrer Seligkeit einander gezeigt. Oder vielmehr es war so, daß Sie mich am Rande des Abgrundes sahen. Und wenn ich dies denke und mich erinnere, daß Sie nun seit Jahren mit dem Gedanken spielen, der durch die grünen lockenden Fluten bezeichnet ist, so kann ich dies nicht billigen. Das Leben hat Sie nie vor die Gemeinheit gestellt wie mich. Aber Sie haben alles wie eignes Leid miterlebt und wir haben es überwunden, wennschon die unheilbaren Wunden in mir zurückgeblieben sind.
Was bleibt nun zu fordern? Tage relativer Ruhe sind wiedergekehrt, und was Sie von mir leiden, ist heute (im Gegensatz zu 1903) ein Sekundäres:
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| Sie haben Ihr Los nun einmal mit dem eines Philosophen verbunden; und zwar keines glücklichen. Denn meine Gedankenarbeit geht seit Jahren nicht voran. Sie quält sich, um dem Dunkel ein Stückchen geordneter Besinnung abzugewinnen. Das Ringen ist ernst, der Erfolg gering. Es liegt in meinem Beruf, daß dieses Suchen und seine Sorgen für mich nichts Gleichgiltiges sind. Und so ist es mir denn auch immer ein Stich, wenn ich finde, daß Sie Ihre Lebensanschauung, die durch die Tat mit der meinen identisch ist, in so ganz andren Worten ausdrücken als ich. Es ist wie eine erhoffte Bestätigung, die ausbleibt. Mit meinem Leben haben Sie immer Schritt gehalten, mit meiner Gedankenbildung nicht. Ich halte das für nicht wesentlich, vor allem auch deshalb, weil eben diese Philosophie noch so ungreifbar und verworren ist. Aber wenn dann das Gespräch auf die Religion kommt, so merke ich, daß Sie aus einem ganz anderen Begriffszusammenhang denken als ich. Sie merken das nicht, weil es Ihnen noch viel unwesentlicher ist als mir. Aber ich habe den
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| deutlichen Eindruck, daß Sie im Grunde meinen Standpunkt nicht viel näher kennen als den von Windelband oder sonst einen. Seien Sie ehrlich: wissen Sie, was ich denke?
Sie haben gehört, daß ich Ihnen meine Philosophie nicht zumute. Jene populären Expektorationen ruhen aber bei mir nicht nur auf Erlebnis, sondern auch auf System und Begriffsentwicklung. Seit langem reden wir über diese Seite nicht mehr mit Glück. Früher hätte mich das vielleicht betrübt; jetzt ist es mir durch Tieferes ersetzt. Ich habe überhaupt noch niemanden gefunden, der meine Philosophie in ihren Motiven und Zusammenhängen verstanden hätte, aber ich vertrage da viel Einsamkeit, weil ja alles noch so im Ringen und Werden ist. So oft wir nun über solche Dinge reden, stoßen wir zusammen, oder vielmehr wir verfehlen uns wie Tunnelarbeiter, die nicht nach gemeinsamem Plane bohren.
Es ist schwer zu sagen, wie das geändert werden soll. Denn erstens habe ich meine Ansichten
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| ja nirgends systematisch entwickelt, ausgenommen jene beiden Postkarten vom Stutenhaus. Außerdem aber verstehe ich jetzt, daß Ihnen in Heidelberg nie Ruhe zum Denken und zum Lesen übrigbleiben konnte, wenn Ihnen bisher kein Abend gehört hat und Sie in dieser (geistig durchschnittlichen) Atmosphäre aufgehen mußten. Aber auch - das alles ist nun einmal wachgerufen - wenn wir zusammen sind, verfallen wir in einen begreiflichen Fehler: Weil wir das so selten genießen, möchte keiner von uns beiden - ich voran - eine Minute davon verlieren. Und doch wäre das Zusammenleben noch inhaltvoller, wenn jeder einmal seine stillen Stunden hätte und dann dem andern davon mitteilen könnte. So würde neben dem gemeinsamen Leben auch wieder ein gemeinsames Denken zustande kommen.
Sie vermissen in alledem vielleicht eine Erklärung über das Thema selbst. Aber ich glaube, daß ich das - wenn es ein solches sein sollte - Nichtverstehen bei seiner Wurzel fasse. Ich habe das Thema vermieden, weil wir nicht zusammen kommen konnten.
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| Sie wünschen auch darüber Klarheit, obwohl Sie hier eine Gefahr sehen, die nicht ist. Denn der Begriffskultus war nie meine Schwäche.
Und so wäre denn wohl alles gesagt, was zu sagen ist.
Ich war heut in der Dämmerung zum ersten Mal auf dem Kirchhof. Es war wieder gewittrig und schwül, und so plagte mich wieder die Empfindung dieses Sommers, daß es mit meiner Kraft vorbei ist und nur zur Ausbreitung des Vorhandenen die Zukunft noch reichen wird. Der Plato stellt mir verzweifelte Probleme, die mich ganz ratlos machen und mich im voraus mit dem bösen Gewissen erfüllen, über nicht genügend Verarbeitetes zu lesen. Meine Stimmung war die ganzen letzten Tage sehr schlecht. Heute morgen begleitete ich Riehls auf den Lehrter Bhf., in guter Freundschaft, aber mit der Resignation, daß ich allen Menschen Anlaß zur Klage gebe. Am Mittwoch sah ich in Tegel ehemalige Schülerinnen in Knauers Verein, ohne mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ich schließe für heut - es ist der 10. Brief - mit innigster Liebe Dein Eduard.
[li. Rand] Den Ferienkursus will ich mit stenographieren u. in der Deutschen Schule drucken lassen.