Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27./28. September 1913


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27.IX.13. spät.
Liebe Freundin!
Infandum renovare jubes, regina, dolorem! Sie rühren das unsägliche Problem meiner Philosophie an. Müßten Sie nicht eigentlich empfunden haben, worin das ganz Eigentümliche meiner wissenschaftlichen Stellung liegt? Ich bin ein ganz guter Historiker; ein brauchbarer Pädagog, ein erträglicher Kenner der Literatur; aber bin ich ein Philosoph? Ich bin es garnicht, wenn die Sicherheit und Geschlossenheit der Weltansicht den Philosophen macht. Ich habe keinen Satz, keinen Standpunkt, keine Methode, an der ich nicht zweifle. Und doch bin ich einer der echtesten Philosophen, die gelebt haben, wenn das, was Sokrates trieb, Philosophie ist. Sokrates besaß kein Wissen, nur ein unendlich hoch entwickeltes Problembewußtsein. Er hatte gar kein System; alles wurde ihm zur Frage, und an jedem Satz konnte er noch zweifeln. Aber er hatte eine innere Gewißheit des Lebens, an der er nicht zweifelte.
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| Deshalb hielt er die Tugend auch nicht für lehrbar; aber er glaubte, daß jeder durch innere Besinnung besser werde und daß man ihm zur Besinnung verhelfen könne.
Wenn ich mich rings umsehe - und mein Horizont in philosophischen Meinungen ist nicht klein, - so besticht mich jede und jede enttäuscht mich. Ich weiß es besser als jede und weiß doch nicht so viel als jede weiß. Dies ist - von gewissen einzelwissenschaftlichen Ansätzen abgesehen - mein betrübendes Ergebnis. Im Sinne der anderen also habe ich gar keine Philosophie; aber ich bin auch kein Skeptiker. Denn die Substanz des Lebens trägt in mir gewisse Hoffnungen und Glaubenssätze, die ich nicht begründen kann, die mir aber eindrucksvolle Realitäten in mir selbst sind.
Von da aus nun müssen Sie meine Stellung zu Ihnen verstehen. Wenn ich vor dem letzten Geheimnis stehe, das ich nicht anders explizieren kann als aus einer gewissen
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| inneren Erlebtheit heraus, dann kommen Sie mit einer populären Wendung, die für mich schrecklicher Dogmatismus ist. Und Sie entnehmen diese Wendung - auf Grund früherer Einflüsse - einer allgemeinen Anschauung von der Natur; etwa nach der Wendung: "sehen wir nicht überall Entwicklung und Vergehen, ist nicht alles der ewigen Gesetzlichkeit des Naturgeschehens eingeordnet?" Darauf bäumt sich in mir immer etwas: Was weißt Du von der Natur? Das ist alles Halbwissen und poetische Abrundung und taugt nicht, um mir meine Qualen und meine Seligkeit, die ich so viel deutlicher empfinde, zu verdeutlichen. Ich fühle im heterogenen Ursprung aus einer mir vor 15 Jahren überzeugenden Ansicht vom Ganzen. Aber ich habe aufgegeben, nach diesem Ganzen zu fragen. Ich nehme das Leben, wie ich es lebe, und sehe überall Probleme, über die Du leicht hinwegschreitest. Und das ist mir wie etwas Mangel an Ehrfurcht. Denn wenn wir überhaupt denken wollen, so müssen wir es ganz und
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| rücksichtslos. Das philosophische Denken ist nicht Nachmittagsbeschäftigung, die sich mit Wahrscheinlichkeiten begnügt, sondern ein Bohren bis aufs letzte.
Und wenn Du nun fragst, zu welchen Ergebnissen ich gekommen bin, so ist es - heute mehr als je dieses: wir können die Probleme reiner und reiner formulieren, und in dieser Arbeit werden wir aufrichtiger und wahrer vor uns selbst. Aber die Lösung haben wir nicht. Sondern nur das innere Lebensbewußtsein leuchtet uns durch dieses Dunkel, und philosophisch leben heißt im Bewußtsein dieser Probleme leben, nicht aber in ihrer Lösung ruhen.
Ich lese jetzt Plato, von dem ich nicht viel verstehe. Wenn ich ihn aber verstehe, so ist es dies, daß er von Sokrates kommend die höchste Hoffnung auf die Kraft der Philosophie hatte, und daß er, je klarer ihm die Fragen wurden, um so mehr an seiner eignen Lösung zweifelte. Im Mythus sprach er sein letztes aus.
Deshalb ist, wenn Du so willst, die Forderung, die ich an Dich stelle, daß Du
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| mit mir in Problemen lebst. Dann wird unser Zusammensein und unser Briefwechsel einen neuen Aufschwung nehmen. Denn mag auch das, was mich beschäftigt, oft abstrakt und schwer sein, so ist es Dir doch nicht unerreichbar, unter zwei Bedingungen: daß Du nämlich dies und jenes mitliest, und - die 2. ist erfüllt, - daß Du den lebendigen Ursprung aller Fragen aus mir ahnst. Ich habe eine große Gabe, das Verworrene klar zu entfalten, und wenn nur Zeit ist und Kontinuität, so kannst Du an allem teilnehmen, und Dein Echo wird mich fördern.
Es muß da manches angesponnen werden, was abgerissen ist. In meinem Aufsatz für Schmoller, dessen Korrekturen ich Dir schicken werde, findest Du den status quo. Das mußt Du ganz in Dich aufnehmen. Aber auch der II. Teil der vorjährigen Universitätsrede sagt Dir, wo ich stehe. Und darauf bist Du mir eigentlich noch die Antwort schuldig.
Ich schreibe hier ganz kurz noch einmal hin, wie die Sache liegt: daß die Wissenschaft vorge
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|fundene Zusammenhänge feststellen und ihr Gesetz erkennen kann, daran ist gar kein Zweifel. Aber meine Frage ist nun: was folgt aus diesem Einsehen und Registrieren für unsre Stellung zu dieser erkannten Welt? Welche Hoffnungen müssen nun schweigen, und welche gestatten noch ein Fortleben? Auch in jener ersten Fassung der Religionsphilosophie hättest Du das schon lesen können. Hättest Du Nein gesagt zu jenen Ansprüchen, so müßte ich dies auf die Wagschale legen. Aber darum dreht sich der Kampf: wie weit sind wir Knechte dieser Tatsächlichkeit?
Und ich brauche jetzt diese Teilnahme um so mehr, als ich nicht glücklich bin. Es fehlt mir nicht am äußeren Glück, aber an dieser Beseligung, die aus der ganz festen Gewißheit folgt: trotz aller Probleme bin ich mir selber klar. Diese Klarheit und diese Festigkeit ist aber das eigentliche Indizium,
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| daß eine Philosophie oder ein religiöses Verhalten auf dem rechten, echten Weg ist.
Und dazu nützt gar kein poetischer Abschluß oder die Bezauberung durch ein hochklingendes Wort, sondern allein dies unablässige Sichselbstprüfen, Fortschreiten, Suchen und Festerwerden. Du darfst keine Gegeninstanz gelten lassen, die Dir nicht gilt. Sondern in allem mußt Du vor Dir selbst nach Klarheit streben und jedes Angelernte fortwerfen. Dazu gehören die naturalistischen Wendungen. Die Natur ist eben nur jenes Vorgefundene. Sie kann uns nicht sagen, was wir sollen oder was wir wollen. Wir müssen den Mut haben, ihr gegenüber eine ganz andre Aussagequelle anzusetzen: unser sittliches Bewußtsein, das uns näher liegt, als Entwicklung, Werden u. Vergehen.
Ich schließe für heut, weil niemand mehr lesen kann, was diese ungehorsame Feder schreibt.

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28.IX.
Von der Fahrt nach dem Stettiner Bhf einen herzlichen Morgengruß. Ich war gestern bei Runges u. fand dort mancherlei Bewegung 1) Bernhard, 1. Censur, alles lobenswert u. sehr gut, ein liebenswürdiger kleiner Kerl 2) Ännchen, mit der Schule fertig, Censur so 2,95 M unliebenswürdig, verschlossen. 3) Klara geht am 1.X. aus dem Hause in ein Heim für junge Mädchen (Gräfin Reventlow) also Verstimmungen.
Der Plato macht mir unerwartete Arbeit. Es lohnt sich wohl; aber ob ich bis zum Termin eine Auffassung habe, ist mir zweifelhaft.
Wenn Sie schreiben, so immer neben der Adresse. Nicht nach Ch nachsenden.