Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Oktober 1913 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 6. Oktober 1913.
Liebe Freundin!
Die gestern in der Bahn geschriebene Postkarte, konnte ich nicht in den Kasten befördern, da der Zug in Teltow 2 Stunden liegen blieb und ich nun in Berlin schleunigst per Auto nach Hause fahren mußte, um noch ins Haus zu kommen; "was mir dann auch gelang". Hier fand ich Ihre 2. Karte vor mit dem Geburtstagsavis. Wenn die Handschuhe noch brauchbar sind, schicken Sie sie bitte hierher.
Ich freue mich, daß Sie wiederum Ferien genießen konnten. Ja, wer's so haben kann! Das sind nun glücklich 3 Monate im Sommer. Jetzt fehlt nur noch, daß Sie sozialdemokratisch wählen.
Übrigens habe ich die Bemerkung gemacht, daß die Anstrengungen in Leipzig auf mich nicht ungünstig gewirkt haben. Es ist, wie nun
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| schon so oft: manche Tiere können nur unter einem bestimmten Luftdruck existieren. Wenn ich Ferien habe, leidet Körper und Geist. Vor allem behütet mich die straffe Anspannung vor der unerträglichen Melancholie, die mich immer befällt, wenn ich mit mir allein bin, und besonders, wenn ich hier in Berlin gewissen Erinnerungen nachgehe, die nicht wiederkommen. Es ist dann, als wäre alles schon tot. Ich sehe kein großes Ziel des Wirkens mehr vor mir, nur die Fortsetzung des Begonnenen. Aber dieser Seelendruck hat wohl bestimmte physische Ursachen; nur ist er, wie ein unablässiges Abschiednehmen.
Dazu kommt eine tatsächliche Schwierigkeit: Mit dem Plato habe ich mir mehr aufgebürdet, als sich bei mancher Nebenbeschäftigung in knapp 2 Monaten leisten läßt. Der Gegenstand selbst ist jede Versenkung wert. Aber man müßte ihm als ein Lernender gegenübertreten, nicht als Lehren sollender. Es ist auf diesem Gebiet schon zu viel geforscht u. gedacht, als daß
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| man so als purus putus metaphysicus damit fertig werden könnte. Ich begreife meine Kollegen nicht, wie die das machen. Ich habe wohl 20 Dialoge jetzt gelesen (Sie wissen, wie groß der eine war) und es fehlen immer noch 10. Aber von Anschauung u. Verständnis zeigen sich nur ganz spärliche Keime. Das macht mich natürlich besorgt. Wäre ich noch Privatdozent, würde ich die Vorlesung absetzen.
Ich habe mancherlei Interessantes für Sie; u. a. auch Bericht über ein Gespräch, das im preuß. Kultusministerium u. a. über mich geführt worden ist, dann die sehr schön ausgefallene Muthesiussche Zeitschrift, in der Gertr. Bäumer den Humboldt geschrieben hat (Habe ich Ihnen mitgeteilt, daß ich neulich bei ihr war?) Aber ich werde das alles zusammen schicken, wenn noch andres dazu gekommen ist.
Wenn Sie von dem jetzigen Standpunkte weiter wollen, dann müssen Sie das Problem der Wertbildung mit mir durchdenken. Die Schmollerschen Korrekturen (bisher noch nicht da)
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| werden Ihnen dabei helfen. Übrigens ist Plato ein Stahlbades philosophischen Denkens. Ich sähe gern, daß Sie einmal den Menon lesen, ein weniger gerühmtes, aber philosophisch höchst instruktives Gespräch.
Die Ferienkurse sind mitstenographiert; aber sie waren eine unerwünschte Hetzjagd, von der mich nachträglich fast nur die zu erwartenden 300 M freuen. Denn es ist ein Abfluß von Geld in diesen Monaten, dem man mit Schenken beiwohnt.
Schröbler ist bis zum Abend vor m. Abreise (Freitag 6 - 7) in m. Kolleg gewesen. Nun hat diese Interessengemeinschaft, die meinen Gedanken so förderlich war, definitiv ihr Ende. Mit Friedmann war ich viel zusammen. Hier ist jetzt Ästheten-Kongreß, den ich schwänze. - In den nächsten Tagen will ich mich möglichst konzentrieren, um vorwärts zu kommen. Vorläufig also nur Karten, ja? Mein Vater läßt Sie herzlich grüßen. Ich bin in herzlicher Treue
Dein
Eduard.