Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Oktober 1913 (Charlottenburg)


<dieser Brief ist aus Bähr, wie dort abgedruckt, incl. Kursivschrift und Auslassungszeichen (–), aber ohne Seitenzahlen und Anmerkungen, übernommen>
Charlottenburg, 10. Oktober 1913
Liebe Freundin!
Es ist sehr schwierig, so grundlegende Dinge dem Briefwechsel anzuvertrauen, wie uns jetzt beschäftigen. –
Ich leide vor allem an der Zeit. Es quält mich, daß die Bäume und die Häuser noch dieselben sind und liebgewonnene Orte still dastehen, während in mir und in der Menschenwelt so vieles sich wandelt. Dies relative Beharren ist nur das Symbol des Kontrastes zwischen Zeit und Ewigkeit, auch jenes ist ja vergänglich wie wir. Gedenke ich denn des Wissens, der Vernunft, des – kurz gesagt Mathematischen –, was nicht vergeht, so ist dies eine Form der Ewigkeit, die mich kalt läßt. Gibt es ein Bleibendes auch in jenen Werten, die nur flüchtig am Dasein aufblitzen und derer wir dann gedenken, wie einer schönen Vegangenheit? Hier liegt das Grundproblem. Die Entscheidung, in diesen Beziehungen zu leben, als ob sie ewig wären, wird mir jetzt nicht leicht, wie es dem vom Strudel Fortgerissenen ein schlechter Trost ist, daß die Ufer stille stehen. Das ist mein ganzes Leid und meine Sehnsucht. –
Wenn ich auf die philosophischen Fragen jetzt nicht näher eingehe, so geschieht es, weil ich Ihnen noch neue Dokumente schicken will. Dieser Brief ist das erste. Die persönliche Stellung ist nur die letzte Blüte dieser halb objektiven halb subjektiven Ideologie, wie ich im Schmolleraufsatz näher ausgeführt habe. –
Dein
Eduard