Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Oktober 1913 (Leipzig, Grassistr. 14)


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29. Okt. 1913.
<Gedruckt:>
Professor Spranger
Leipzig Grassisttr. 14.

siehstewoll?
Liebe Freundin!
Erwarten Sie hiervon keinen Brief; es sollte eine Karte sein, ich habe aber keine im Hause. Eigentlich habe ich absichtlich nicht geschrieben. Was hat das Stöhnen über jede Schwankung für einen Zweck? Jetzt beginne ich wieder, mich als Mensch zu fühlen. Regelmäßige Baldriantropfen haben mir die Sache erleichtert. Der Rheumatismus als solcher ist fort, Sie wissen ja aber, daß ich Schmerzanfälle schon immer hatte, sie werden auch wiederkommen. Der Nachsommer hier ist ein zweifelhaftes Geschenk. Es ist eben dieselbe Luft, die schon das Sommersemester zur Qual gemacht hat. In Berlin wäre es wahrscheinlich herrlich.
Der Anfang mit den Vorlesungen ist gemacht. Plato - Montag 6-7 - mein Lieblings- u. mein Schmerzenskind. Über 250 Leute. Ganz gute Introduktion. Gestern begann Päd. I.
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| Sie kennen das große dreiteilige Aud, wo ich zu Weihnachten Pädagogik las. Ich kann nur mit Mühe aufs Katheder: in den Gängen, vorn am Katheder, an den Türen standen weit über 100. Abhilfe ist schwer zu schaffen. 50 Klappsitze lassen sich anbringen. Stühle sind trotz meines dringenden Verlangens nicht gestellt worden. Angeblich Polizeiverbot. Ich bin von Pontius zu Pilatus gelaufen: heute vorm. beim Richter u. beim Rentmeister gewesen, heute Abend hoffe ich noch Magnificenz die Pistole auf die Brust zu setzen. Wegen der Klappstühle muß erst noch Genehmigung von Dresden eingeholt werden. Ich selbst darf keinen dringenden Bericht nach Dresden machen, wegen d. Dresdner Universitätsgründungsgefahr. Eine Überfüllung ist ja bei uns - nicht vorhanden. So habe ich denn heute Morgen meinen Hörern selbst geraten, nicht zu belegen, da ich ihnen keine Sitz
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|plätze verschaffen könne. Bis jetzt haben 420 belegt. Plätze sind 340. Natürlich bringt das Aufregung und Schererei. Der arme Famulus!
Der neue Geheimrat ist eine erfreuliche Erscheinung; vielleicht bewege ich ihn zu Examensreformen; freilich tritt er allzu bescheiden auf, als daß er durchgreifen könnte. In dieser Woche habe ich jeden Tag 1 - 4 Examina gehabt. Dazu 3 Sitzungen wegen Rektorwahl u. Frauenhochschule etc.
Ich habe ganz den Eindruck, daß Sie jetzt im Zusammenhang meiner Probleme sind, ebenso wie den, daß ich heraus bin, eben des Lohnes wegen. Der Schmoller ist noch nicht gedruckt. Aber fahren Sie nur so fort. Den "Menon" sollen Sie nicht kritisieren, sondern in seiner tiefen Problemstellung auf sich wirken lassen. Außerdem sollen Sie mir sehr bald noch einen Wechselrahmen schicken.
Im Hause ist recht viel Anarchie. Krankheit, bevorstehender Mädchenwechsel. Ich glaube
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| nicht, daß es lange noch geht. Aber es fehlt mir Zeit zur eigenen Einrichtung.
Die Lehrerrede wird weite Kreise ziehen. Den Verein hatte ich mir nicht zum Freunde gemacht, gewiß aber viele einzelne.
An Budenbender habe ich erst gestern geschickt. Sie hatten das erste Exemplar.
Dem Vorstand vielen Dank für seine Karte. Was hat denn der Troeltsch gesagt - bisher habe ich nur Begeisterung gehört, aber nicht 1 Gedanken.
Heut war mein Stenograph zum 1. Mal bei mir. In knapp 1 Stunde 12 Briefe diktiert. Hoffentlich bewährt sich die Sache.
1 Karte von Heinzelmanns.
Bitte meinen Verleger durch Bestellung der Rede unterstützen! Es ist wünschenswert, daß sie in den geeigneten Kreisen bekannt wird u. eine 2. Auflage erlebt.
Alles Gute u. viele herzliche Grüße
eiligst und freilichst Dein Ed.