Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. November 1913


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4.XI.13.
Liebe Freundin!
Ich kann nur sagen: einen ganz schrecklichen Vormittag habe ich heute verlebt. Ungern wiederhole ich alles noch einmal in der Erzählung:
Morgens vor 8 ehe ich fortgehe will ich 2 Stück Kuchen in meinen Schreibtisch unten links einschließen. Bei dieser Gelegenheit merke ich zu meinem Entsetzen, daß das Fach leer ist und daß die dort verschlossenen Staatsarbeiten für das Sommersemester 1914 verschwunden sind. Ich rufe Frl. Stolpe, allgemeine Ratlosigkeit, Entsetzen. Doppelt auffallend, daß die unverschlossenen Arbeiten (35) für dies Semester alle noch dalagen. – Ich muß ins Kolleg, und das ist das einzig Rühmliche an dieser Niederlage, daß ich mich völlig in der Gewalt hatte u. einen schwierigen, schlecht vorbereiteten Stoff excellent
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| herausbrachte. Dann sogleich zum Sekretär der Kreishauptmannschaft, dem ich Meldung machte; er wird ersucht, Namen der Verf. u. Abgabezeit zu konstatieren. Zu Hause suchen wir noch einmal alles durch; ich hole Friedmann im Auto, um auch sein Gutachten einzuholen. Nichts zu finden. Nunmehr ging ich mit Frl. Stolpe zur Polizei und erstatte dem aufmerkenden Volk Anzeige. An Ort u. Stelle schreibe ich den ganzen Sachverhalt auf, ein Beamter wird mir mitgegeben, der alles genau ansieht, alles versteht u. sich sehr warm der Sache annimmt. Inzwischen muß ich zur Sprechstunde, werfe ich mich in die Droschke und fahre nach der Kreishauptmannschaft, um die Aufstellung zu holen. Die Aufstellung zeigt – daß ich für den Sommer überhaupt keine Arbeiten erhalten u. an der betr. Stelle folglich keine Gelegen haben. Ich kann nicht sagen, daß mich dieser Tatbestand befreite! Denn
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| wie viel Hebel hatte ich in Bewegung gesetzt und wie viel Unruhe verursacht – von unvermeidlich aufsteigendem Verdacht natürlich zu schweigen. Telefonisch die Polizei verständigt, Famulus im Auto zu Stolpes geschickt, und mit diesen Eindrücken nun den tausenderlei Kleinkram der Sprechstunde. Sogleich danach schrieb ich an die Polizei noch einen Eilbrief und überwies der Pensionskasse ein Reugeld von 25 M.
Ich schäme mich bis zum Versinken! Wenn das dem Philosophen passiert, der so sorgsam mit den Handtaschen umgeht! Und außerdem noch die Erwartung Ihrer Schadenfreude. Die 5 Stunden waren entsetzlich geradezu.
Dazu kommt noch ein Nebenerfolg unglücklicher Art: Eben hatte ich mit dem Geld für die Monatsrechnung Mad. Stolpe einen Brief übersandt, worin ich um Regelung der Dienstbotensorge bat. Wir sind nämlich seit fast 1 Woche mädchenlos, und haben nur eine Aufwartung.
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| Statt eines Sieges erlitt ich also eine Schlappe und mußte froh sein, daß die Damen mir verziehen.
Dabei hatte ich diese Nacht so schön geschlafen und war morgens so frisch. – Magnificenz hat sich meiner Sache zwar angenommen, aber ohne Erfolg. Schön ist es aber, daß trotz dieser ungünstigen Sitzbedingungen der große Kreis sich hält. Die Stufen des Katheders sind voll vom Volk. Und der Plato kommt auch gut in Gang. – Der Schmoller ist gedruckt. Sie erhalten die 2. Korrektur.
Wenn nur erst dieser Tag vergessen wäre! Es ist schon bei regelmäßigem Ablauf genug. Wegen der Staatsexamina habe ich eine Denkschrift ausgearbeitet, die freilich nur die allgemeinsten Verbesserungen vorschlägt und meine Angelegenheit garnicht berührt. – Kehrseite: ich habe für das nächste Jahr (bei Zugrundelegung des 2jährigen Durchschnitts) also nicht des letzten besseren, ein Einkommen zwischen 000000 und 0000000 M zu versteuern. Diese Zahlen machen Sie unleserlich, wenn Sie sie gelesen haben. Für heut nur dies eilige Nachrichtenblatt. Krieg' <li. Rand> ich nun endlich den Wechselrahmen? Herzlichst Ihr sehr beschämter, reuiger Eduard.
[Kopf] Anfang September waren Rudolf Lehmann, Frischeisen Köhler u. d. hiesige Kollege Schmeidler in Freudenstadt-Rappen.