Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. November 1913 (Leipzig, Grassistr. 14)


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Professor Spranger
Leipzig, Grassistr. 14.
15.11.13.
Liebe Freundin!
Nur einen Wochenbericht, keinen Brief, finden Sie in diesem reklamehaft dicken Packet. Eben dieser Wochenbericht aber wird Ihnen erklären, weshalb ich mit meinen Nachrichten noch immer so aphoristisch sein muß.
Es ging eigentlich mies. Sonnabend und Sonntag mit dem Registrator waren recht hübsch, aber angreifend, da schon etwas in mir steckte, Montag bei kaltem Wetter schwitzte ich auf der Straße vor dem Kolleg, Abends <ein Wort unleserlich> wenig geschlafen, nächsten Tag Schnupfen. Dienstag Nachm. ging ich noch fort, bei bekannter Leipziger Feuchtigkeit, und in der Nacht hatte ich einen starken, schmerzhaften Luftröhrenkatarrh mit Fieber. Um 4 Uhr nachts war ich entschlossen, abzusagen, da aber 3 Stunden Schlaf mich noch recht stärkten, fuhr ich per Auto ins Kolleg, las ganz
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| gut, dann Examen. Abends Friedmann u. Fakultätssitzung, die sich 2 Stunden länger ausdehnte als ich wollte, weil interessante persönliche Zwischenfälle kamen. In der Nacht waren die Erscheinungen dann wieder schlimm. Schon morgens hatte ich dem Vertreter des V. D. St. erklärt, daß es zweifelhaft wäre, ob ich Donnerstag Abend bei ihm reden könnte. (Die Ideenwelt der deutschen Erhebungszeit.) Aber ich wollte nicht feige nachgeben, entschloß mich also, Donnerstag früh einen Arzt zu fragen (!), ob es gefährlich wäre. Nachdem ich diese Abweichung von guten Grundsätzen durch Warten in einem ungeheizten Vorzimmer gebüßt, wurde ich zunächst als schätzbares Material der Influenzastatistik eingereiht. Untersuchung ergab, daß Lunge frei, Sitz ziemlich oben, Sprechen erlaubt. Mittel alle derart, daß jemand, der nicht verheiratet ist u. außerdem erwachsene
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| Töchter hat, nicht anwenden kann. Ich entschied mich für das einfachste, ein heiß zu trinkendes Obersalzbrunner, das mir recht wohltat und in der Tat auf die Verdauung recht gut wirkt. Nachm.: mußte ich nach jedem Wort husten. Abends im Verein, wo eine Anzahl historische Kollegen, an ihrer Spitze Lamprecht erschienen war, sprach ich ohne Mühe, deutlich, packend, begeisternd - ein tiefdringender Erfolg. Also schien mir die Sache gut bekommen. Aber in der Nacht zeigte sich wieder Fieber, so daß ich beschloß, Freitag Abend nicht fortzugehen. Ich las von 8 - 9 recht gut, hatte von 9 - 12 Examen, u. entschloß mich, um 9 den Ausfall des Seminars anzukündigen. Nachdem ich - wie das Volkslied singt - "nachdem ich diese kurzen Worte ausgesprochen hatte", war die Erkältung eigentlich weg, ich rauchte den Tag meine ersten Cigarren, die Götter waren durch das Opfer
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| beruhigt, und jetzt ist, abgesehen von leichter Erkältung, eigentlich nur noch die typische Influenza - <unleserlich->stellung da. Aber vor Montag ist ja kein eigentlicher Dienst. Weitere Einzelheiten erfahren Sie, wenn Sie sich die Gespräche in der Stadt anhören.
Nun und sonst? - Natürlich hinkt dabei die Arbeit u. ma[über der Zeile] nches bleibt liegen. Aber ich hatte auch manchen Brief, der mich beschäftigt. Den einen, höchst merkwürdigen, von G. v. Th.-g, kann ich nicht beilegen. Ich kann nur sagen: da muß ich denn doch sagen! Es ist mir hier zum 1. Mal aufgegangen,was das Sprichwort meint: "dreist und gottesfürchtig". Da muß wirklich ein gewisser Zusammenhang sein.
Von Riehls u. über Riehls mancherlei Briefe. Vom Schmoller leider nur 1 Abzug.
Das Leipziger Tagebuch habe ich gelesen. Ich weiß nicht, warum mir der Schreiber so überaus unsympathisch ist. Ich hab überhaupt an diesem unplastischen Produkt eines <unleserlich->literaten nicht viel Freude gehabt, ehrlich gesagt. Eher an den Zappen. - Wann werden wir uns einmal wieder <li. Rand> wirklich schreiben? Dieser Brief muß fort, wenn Sie ihn Sonntags haben sollen. <Kopf> Innigste Sonntagsgrüße treulich Dein Eduard.
[re. Rand, S.1] Das Ministerium hat auf meinen Eilbrief von heut vor 8 Tagen noch nicht geantw.