Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. November 1913 (Leipzig)


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Leipzig, am 19. November 1913.
am 80. Geburtstag Diltheys.
Liebe Freundin!
Mit herzlicher Teilnahme lese ich, daß es auch Ihnen nicht berühmt ergangen ist, und daß die vernünftige Mahnung, in der Arbeit mäßig zu sein, bei Ihnen schon auf schlechtem Boden verdorrt ist, ehe sie zu mir kam. Ein entzündetes Auge verlangt viel Schonung, zumal in dieser Jahreszeit, wo man nur mit Anstrengung bei Mittagslicht lesen kann. Also bitte: fegen sie auch einmal f vor Ihre Türe, ehe Sie andre für ähnliche Erlebnisse verantwortlich machen.
Denn bei mir liegt tatsächlich keinerlei Leichtsinn oder Maßlosigkeit vor, vielmehr ist die Ursache des schlechten Befindens entweder in konstitutionellen Verhältnissen zu suchen, für die man nichts kann, oder in klimatischen, die
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| man nur durch Aufgabe der Stellung ändern kann. Richtig ist, daß ich seit dem 15. Okt., wo ich hierherkam, eigentlich nie mehr recht gesund gewesen bin, und daß darunter mein menschliches Dasein in einer Weise leidet, die allmählich zur Freudlosigkeit führt. Denken Sie nur an unsre Korrespondenz! - Ich bin nicht unmäßig oder unvorsichtig. Mein Schlaf, im ganzen gut, geht oft bis zu 11 Stunden, manchmal müssen es freilich auch 7-8 tun, ich esse meist mit Appetit, zum Kolleg bin ich die ganze Woche im Auto gefahren. Examina waren wenig, Sprechstunde etc. fielen aus. Also daran liegt es nicht, sondern an einer zunehmend schwächlichen Konstitution, oder am Klima, das ja besonders in den letzten Tagen wieder unerträglich war.
Momentan ist die Erkältung wesentlich zurückgegangen; aber ein allgemeines Influenzagefühl ist noch da. Ich trinke Chinawein, habe eine Woche lang nur Rotwein (z. T. teuer) getrunken, bin Tagelang nicht ausgegangen. Heute ist
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| Bußtag, morgen Rektorwechsel - also auch halb frei. So einfach also - die viele Arbeit ist schuld - läßt sich die Sache nicht erledigen, da ich tatsächlich Zeiten gehabt habe, wo ich bei bestem Befinden das Doppelte geleistet habe. Es wird - wenn ich dieses Ziel erreiche - im März erforderlich sein, gründliche Untersuchung und Kur vorzunehmen. Denn an irgendeiner gestörten Funktion muß das schlechte Gesamtbefinden doch liegen.
An einen Wohnungswechsel hier habe ich aus vielen Gründen in der letzten Zeit sehr stark gedacht. Hauptgrund aber ist die wachsende Antipathie gegen die Hausgenossenschaft, die mehr mit dem Munde, als mit der Tat sorgt. Da ich aber für persönlich bessere Verpflegung garkeine Garantien habe, so habe ich selbst vorbereitende Schritte immer aufgeschoben, weil ich diese großen Mühen nicht auch noch auf mich nehmen möchte. Außerdem müßte ich dann der Luft wegen ans Völkerschlachtdenkmal ziehen, das aber ist mir ein sehr trüber Gedanke. Denn die Lage der jetzigen Wohnung ist sehr viel
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| schöner.
Obwohl ich ehrlich bekennen muß, daß ich selten so in der Weltabschiedsstimmung war, wie jetzt, fast bis zum Trübsinn, muß ich doch auch sagen, daß ich nie so gut gelesen habe wie dies Semester. Die Rede im V D St. muß geradezu ergreifend gewirkt haben, nach allem was ich höre. Und die Kollegs geraten mir so, daß ich wünsche, sie wörtlich zu besitzen.
An G. Sch. habe ich einen sehr pädagogischen Brief geschrieben, durch den aber bei aller Güte etwas vom verletzten Mannesstolz hindurchschimmert. Außerdem bin ich als Planke für in ihren Plänen Schiffbrüchige jetzt nicht dauerhaft genug.
Von Budenbender Sohn habe ich erst heute einen Brief erhalten. Wo die Mutter ist, erfahre ich auch daraus nicht. Riehls schreiben öfter, scheinen schon an die Abreise zu denken. Eben bedroht mich Brahn persönlich.
Das über Feuerbach habe ich gelesen, vieles ist interessant. Am ganzen konnte ich nicht viel haben, weil ich F. in Cretenso nicht kenne. Wollen Sie das Blatt zurückhaben? Sowas, wie "Freude machen gelingt nicht" verbitte ich mir. Ich schreibe hier noch etwas auf einen Zettel, den Sie aber gleich vernichten müssen. Innigst treu, dankbar Dein Professor Spranger
<Von dem gedruckten "Professor Spranger" zeigt ein Pfeil auf ein skizziertes Profil.>