Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. November 1913 (Leipzig, Grassistr. 14)


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Professor Spranger
Leipzig Grassistr. 14.
26.11.13.
Liebe Freundin!
Noch ehe ich die mitgesandten Briefe in einer ruhigen Stunde lesen konnte, möchte ich, im Vertrauen auf Ihr Verständnis eines solchen Verlangens, mit einigen Mitteilungen beginnen.
Sie müssen mir glauben, daß das nicht Teilnahmslosigkeit ist; nur eine gewisse seelische Kurzatmigkeit, unter der ich selbst am meisten leide. Meinem Leben fehlt Wärme und Poesie. Und ich bin unabläßig bestrebt, die Ursachen zu suchen. Sie liegen im Physischen. Ist es Hypochondrie? Täglich wechsle ich die Hypothesen. Aber keine ist wohl ganz unbegründet. Zunächst nehme ich an, daß meine Blutmischung schlecht ist. Ich merke dies nicht nur an der schlechten Cirkulation, sondern auch daran, daß das Blut nicht gerinnt, wenn ich mich beim Rasieren schneide. Deshalb habe ich mir eine Levicokur <unleserlich> verordnet.
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| Zu meiner eignen Verwunderung vertrage ich das Schwachwasser ganz gut. Ich möchte Sie bitten, mir Einzelheiten über das nötige Verhalten zu sagen. Mit Wehmut betrachte ich die schönen Äpfel. Ich will sie mir kochen lassen.
Sodann aber müssen die rechtsseitigen Empfindungen Ihre Ursache haben. Neuerdings rate ich nun, infolge einiger zutreffender Symptome, auf die Leber Spannungen, Stimmungslosigkeit, schlechte Verdauung (freilich weit besser als früher) Aber irgendwo sitzt da etwas. Die Nerven sind es diesmal nicht zuerst.
Ferner habe ich ein wachsendes Verlangen, aus meiner Wohnung auszuziehen; eigentlich um der Menschen willen, die mir grenzenlos antipathisch sind. Es fehlt aber der entscheidende Grund - alles geht so lala, - und ich weiß nicht, in welcher Form sich das Neue gestalten soll. Ich will nur zeigen, daß ich unzufrieden bin.
Mein Leben liegt jetzt nur noch in den
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| Vorlesungen. Aber wenn ich von 550 Hörern aus äußeren Gründen nur höchstens 400-420 vor mir sehe, so ist das natürlich eine Störung. Ich kann die sehr langen Verhandlungen hier nicht erzählen, obwohl sie sehr intererssant sind - der Minister, 2 Magnifizenzen, zahlreiche Beamte sind darum bemüht - aber Bücher zieht nicht aus; es hat Konflikte mit ihm gegeben, die ich versöhnlich, aber zu meinem Nachteil, beigelegt habe. Ich hoffe, daß der Minister ein Machtwort spricht. Doch ist die Sache eigentlich schon verdorben.
Meine Tante Gobisch liegt im Sterben, ist vielleicht schon tot, während ich dies schreibe. Ich fahre Sonnabend bis Montag nach Berlin.
Ihr Herz habe ich aufgefressen, auch darin meinen Egoismus bekundend. Es hat mir aber wohlgetan.
Mit meiner Zeit komme ich nie aus, obwohl ich relativ leichte Arbeit habe. Es fehlt der élan. Nur wenn ich auf dem Katheder, bin ich Herr
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| meiner selbst. Und mehr als je. Meine Wirkung ist ungesund. Um so krankhafter diese seelische Schonungslosigkeit.
Gute Nacht für heut!