Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Dezember 1913 (Leipzig)


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Leipzig, den 3. Dezember 1913.
Liebe Freundin!
Ihre Karte erreichte mich wenige Minuten vor der Abreise von Charlottenburg, Ihr lieber Brief traf mich dann hier. Ich füge zunächst die zur Ansicht beigelegten Briefe mit herzlichem Dank wieder bei. Haben Sie eigentlich von neuem Schmerzen an den Zähnen und war eine neue Behandlung nötig? Die Röntgenstrahlen haben im allgemeinen sehr ungünstige Nebeneffekte, und die Entfernung der Schilddrüse ist ebenfalls etwas, das ein Chirurg wie Payr vermieden hätte, wenn ich seine Ausführungen richtig verstanden habe. Meine neuesten Eindrücke über Ärztliches sind nicht gerade geeignet, die Meinung über den Durchschnitt zu erhöhen. Aber lassen wir das Splitterrichten.
Aus Berlin habe ich noch keine Nachricht über das Ableben meiner Tante. Die hoffnungs
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|lose Agonie dauert noch an. Moral würde hier auch etwas andres gebieten als das Recht zuläßt.
Ob nun das Levico nützt, das ich freilich aus Zeitmangel nicht so arithmetisch abstufen konnte, wie Sie da vorschreiben, oder ob mir die zwei menschlichen Tage (bei Schandwetter) in Berlin gut getan haben - ich darf zum ersten Mal sagen, daß es allmählich aufwärts geht, und daß ich aus dem wahrhaft trostlosen Zustand mich emporzuraffen beginne. Da meldet sich nun die Affaire Riehl wieder, die ich mich möglichst freundschaftlich zu behandeln bemühe, die aber meiner Auffassung vom wahrhaft Wertvollen immer stärker widerstreitet. Der Plan einer Festschrift, der aufgegeben war, weil nichts Anständiges zu tage gekommen wäre, wird von Frau R. bei den Beteiligten geradezu eingeklagt - weil sie ihrem Mann schon davon erzählt hat und weil er sich
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| sehr darüber freuen würde. So werden wir also gezwungen, den üblichen Schund zusammenzuschreiben, und das Endresultat ist doch noch eine Verstimmung. Ich werde aber alles aufbicken, damit nicht die Weihnachtsferien unter demselben Zeichen stehen, wie die Osterferien, die mich damals auf dem Hund gebracht haben. Frau Riehl fühlt nicht, daß die Öffentlichkeit dies alles mit anderen Maßstäben mißt, und daß schon jetzt die (böse) Welt zu reden beginnt. Alle Beteiligten sind etwas desperat.
Weihnachten rückt näher, und wir wollen uns über diesen Punkt einmal unterhalten. Zunächst bitte ich Sie, mir recht bald anzugeben, welche bestimmten Eigenschaften das goldene Kettchen haben muß, an das ich Sie gern legen möchte. Und da Freund Kügelgen es so zu machen pflegte*) [Fuß] *) auf "kleine" Geschenke bin ich garnicht neugierig. so will ich Ihnen gleich sagen, daß ich mich auf den Schreibtisch freue.
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| Freilich nur in dem Sinne, daß Sie mir die Form schenken und ich das Holz kaufe. Bedingung ist also: recht groß, mit vollem Aufsatz, Mittelteil so, daß 1 m 10 für übergeschlagene Beine Raum bleibt. Holzwahl bleibt Ihnen überlassen; ob hell Eiche praktisch ist wegen Tinte? Die Sache muß bald entschieden werden, weil sich danach die Sachen richten, die ich sonst kaufe. Ob ich wohnen bleibe, ist nicht mehr so zweifelhaft, da Annäherung u. Besserung auf Grund meiner deutlichen Verstimmungen zu bemerken. Doch bleibt die ungesunde Lage. Ein weiterer Faktor ist, daß ich große Unkosten dies Semester nicht gut tragen kann, weil durch den Tod meiner Tante die 2000 M fällig werden und ich bei meinem wechselnden Befinden 10 000 M Barreserven haben muß.*) [li. Rand] *) Abzüglich der 2000 M werde ich aber bis März voraussichtlich auf 13 000 M kommen. Also wird es wohl auf allmähliche Anschaffung neuer Möbel hinauskommen.
Die Frage Cassel hat mich schon viel beschäftigt.
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| Mein Herz ist natürlich sehr dabei. Aber so wie die Sache jetzt liegt, fühle ich mich zum Reisen nicht kräftig genug. Auch ist die Zeit knapp, weil zahllose Staatsexamensarbeiten u. der Beitrag für die Festschrift zu erledigen sind. Darin liegt nun nicht etwa der Verzicht auf eine Begegnung, zu dem ich keinesfalls bereit bin; sondern, wie Sie wohl merken, eine Hoffnung auf Berlin oder Leipzig. Aber die ganze Frage lassen wir am besten in der Weise offen, daß jeder sich nach Möglichkeit freihält, um die von den Verhältnissen zuletzt gebotene Entscheidung seinerseits durchführen zu können. Zu einer Konsultation des Onkels wäre ich unter gewissen Bedingungen bereit. 1) daß er an einem erreichbaren Ort ist 2) daß mein Nervenzustand schonend behandelt wird; ich bin nämlich sehr suggestibel in der Richtung, daß undurchführbare Schonungsvorschläge mich in meiner
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| Kraft erheblich schädigen. Gegen die Nerven hilft nur der Wille. Ist etwas Organisches da, so hilft die Aussicht auf zweckmäßige Therapie. Aber Urlaub kann ich nicht nehmen, nur die Entlastung zu beantragen bin ich nun doch halb entschlossen, weil 56 Staatsexamensarbeiten mich notwendig auch wissenschaftlich ruinieren.
Den Sekretär habe ich noch. Die Entlastung ist gering, weil sehr vieles eigenhändig oder per Schreibmaschine geschrieben sein muß; eine fremde Hand ist bei persönlicherem sogleich unzulässig. Das Stenogramm der Ferienvorträge scheint für den Druck unbrauchbar. Der Redestil u. d. Aufsatzstil sind bei mir zu verschieden.
2 Stunden habe ich im Maximum gelesen, auch dort haben noch einige stehen müssen. Nun kehre ich in das kleine Auditorium zurück.
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| Mittwochs fehlen wegen Übungen immer viele. Es ist eigentlich betrübend, daß von 550 Belegenden gerade 350 heute da waren. Einen so ungünstigen Prozentsatz des tatsächlichen Besuchs habe ich nie gehabt.
Über meine Lehrerrede hat der sächsische Kultusminister besser geurteilt als Großmutter Knaps. Die Großmutter wird aber recht haben, weil sie selbst eine 48erin ist.
Verschiedene Angelegenheiten schweben hier, die mich unerfreulich berühren, weil sie Brahn in die Finger bekommen hat. Ich habe eben für andres als das Amt keine Zeit.
Dabei erfüllt mich die Sehnsucht, manchen Gedanken literarisch loszuwerden, den ich jetzt als billiges Gut in eine Hörerschaft hineinschleudre, die ihn als eigen reklamieren kann. Ringsum sehe ich manches antizipiert, was ich seit Jahren in den Vorlesungen gebe.
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Ihre Antwort erbitte ich vor allem über Kette und Schreibtisch. Sodann auch betreffs Cassel, Berlin, Leipzig.
Mein Famulus meldete sich in der schwierigsten Situation wegen Gelenkrheumatismus krank. Diese Tage fährt er nach Chemnitz. Die Vertretung lasse ich ihn bezahlen, da die Einkünfte sehr hoch sind.
Am Montag bewirte ich im Hotel Hauffe die Paeonia. Am Dienstag bin ich bei Wundt. Den Sonnabend darauf bei Riehls.
Ihre Äpfel schmecken mir als Mus oder als Muß?
Damit wäre wohl alles gesagt, außer der Sehnsucht nach Ihnen. Ich leide hier seelisch not. Das merkte ich in Berlin. Es ist eben nicht möglich, sich von Lorbeer zu ernähren. Aber mein Freund und mein Glück ist Plato, Perlen für die S - achsen. Innigst u. treu
stets Dein Eduard.

[li. Rand] Ich habe im Personalverzeichnis alle Leipziger angestrichen, die an hochgradigen Neuralgien leiden.
[re. Rand S. 5] Als eine Eventualität sollten wir vielleicht folgendes ins Auge fassen: Am 19. Abends schließen m. Vorlesungen etc. Wir hätten dann hier vom 20. bis zum 23. Mittags für uns. Wenn es, was schade wäre, garnicht anders geht, wäre dies ein Ausweg.