Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7./8. Dezember 1913 (Leipzig)


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Sonntag 7.XII.13.
Liebe Freundin!
Gestern früh bin ich zur Beerdigung meiner Tante nach Berlin gefahren und heute Mittag wiedergekommen. Das Wetter auf dem Kirchhof war sehr schlecht; meine Absicht war auch aufzupassen, daß mein Vater sich keiner Erkältung aussetzte. Onkel Paul und Ludwig waren auch da. Der Verlust ist meinem Vater nahe gegangen, aber das Alter hat in dieser Hinsicht eine erstaunliche Lebenskraft. Mich trennt von der Lebensform dieser Familie eine Welt.
Als ich um 11 hier ankam, fing mich Friedmann auf dem Bhf ab, der durch komplizierte Liebesaffairen in eine sehr schwierige Situation gekommen ist. Um ½ 1 mußte ich zu einer Besprechung bei der prächtigen alten Frau Goldschmidt sein, um ½ 2 zum Diner beim Thomasrektor Jungmann, um
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| 6 hatte ich dann wieder mit Friedmann eine Beratung. Es ist klar, daß bei solcher Lebensweise das Levico nicht sichtbar wirkt. Ich fühle immer noch einen gewissen Blutmangel und schlechte Cirkulation. In den nächsten Tagen sollte ich nun zu Starkwasser übergehen. Wann kann man eigentlich auf eine fühlbare Wirkung rechnen?
Bezüglich unsrer Weihnachtspläne habe ich zunächst mit sehr herzlichen Grüßen von meinem Vater zu berichten, daß er energisch für Ihr Kommen zu Weihnachten plädiert hat, und das fällt ja mit Ihren Plänen zusammen. Aber ich kann mir nicht helfen: Dieses Hin- und Herjagen zwischen Keithstr., Knesebeckstr., Pestalozzistr., Pankow, Tegel ist mir nicht das, was ich von unsrem Zusammensein erhoffe, wennschon es besser ist als nichts. Der Verein für Sozialpolitik hat in Berlin am 5.I. im Herrenhause die bewußte Diskussion, an der ich auch sehr
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| gern teilnehmen würde, jedoch nur bei recht günstigem Befinden. Aber lassen wir das alles noch in der Schwebe; es wird sich irgend ein Weg schon finden.
Ihre Antwort in der Schreibtischfrage ist wie die Antwort des Reichskanzlers in Sachen Zabern. Ich erteile Ihnen hiermit ein Mißtrauensvotum, wegen doktrinärer Verschleppung wichtiger Dinge.
Zwischen den Zeilen lesen können Sie auch nicht, obwohl das eine hübsche Kunst ist. Glauben Sie, daß ich glaube, man könnte die Schule abseits von der Politik halten? Sagen wollte ich doch nur, daß es eine nationale Gefahr ist, wenn ein Beamtenstand, wie die Lehrer, sich gegen die Regierung stellen. Dann ist die Privatschule noch besser: da kann man sich seine Gesinnung aussuchen, aber eine Schule als politisches Instrument in den Händen einer halbgebildeten Lehrerschaft - das geht nicht, das ist gegen den Sinn der Staatsschule
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| und gegen den Sinn der Nationalschule, wenn in den Kreisen der Lehrerschaft latente Sozialdemokratie herrscht.
Die Festschriftfrage könnte ich relativ leicht lösen. Der Beitrag für Schmoller ist gedruckt, u. zwar mit anderen zusammen als Ms, also disponibel. Übrigens werden Sie sehen, daß ich (mit Goldscheid) der Einzige bin, der die Sache tiefer angefaßt hat. Unglaubliches Gefasel, auch von Oncken, ist dabei, und geradezu pathologisch ist der Stil von Weber. Die Frage selbst ist doch höchst interessant und ich freue mich dabei zu sein.
Die nächsten Tage sind sehr anstrengend. Aber die Entlastung werde ich beantragen, da ich gehört habe, daß man im Ministerium bereits den Fall einer Überarbeitung meinerseits fürchtet u. da die Kollegen fast mehr schreien als ich.
Den Beethoven kenne ich leider nicht; er ist erst seit 15 Jahren im Konzertprogramm.
Für heute nur dies Tatsächliche. Herzlichst, dankbar, treu
Dein Eduard.

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8. XII.
Eben schickt mir mein ältester Hörer (v. W. S. 1909/10 bis W.S. 1913/4!) sein Buch über die literarische Produktion der Jugendlichen ins Haus. Mein Blick fällt zuerst auf - ein Tagebuch einer meiner Schülerinnen von Knauer, aber in mit 1000 bekannten Einzelheiten, aber in subjektivster Beleuchtung. Denken Sie sich meinen Eindruck, teils poetisches Gedenken, teils unangenehm berührt von diesem "Gedrucktsein". Freilich weiß es ja niemand sonst. Wir müssen es zusammen lesen. Wie merkwürdig spielt die Welt.
Heut Abend meine Paeonia. 3 haben abgesagt. Bleiben 7.
Herzlichst
Ed.