Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Dezember 1913 (Leipzig)


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Leipzig, den 16. Dezember 1913.
Psalm 23, v. 5.
Liebe Freundin!
Vor allem gratuliere ich Ihnen zur vierfachen Tante. Daraus folgt eine Reise nach Stettin, und also über Berlin, zu Ostern (?).
Sodann meine Meinungsäußerung über die Tischfrage, mit der Sie sich so viel Mühe gemacht haben. Ihr Projekt erhält den ersten Preis. Ein Schreibtisch ohne Aufsatz ist ebenso undenkbar wie ein Aufsatz ohne Schreibgelegenheit. Aber um es ganz deutlich zu sagen: diese Art, den Tisch auf die lange Bank zu schieben, mißbillige ich. Denn wenn ich ihn erst Ende Februar bekomme, so heißt das voraussichtlich, daß er erst Anfang Mai in Funktion tritt. Ich muß aber meine Archivgelegenheiten vergrößern, der Raum fehlt, und was ich anschaffe, soll sich doch nach dem Schreibtisch richten. Glauben Sie nicht, daß man "irgendwo" auch etwas Fertiges in dieser Art bekommt? Denn so individuell braucht es
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| ja schließlich im Hause eines Kunstbanausen nicht zu sein. Ich empfehle dem Reichskanzler dies zur Erwägung.
Aber noch stärker beschäftigt mich jetzt die Frage des weihnachtlichen Zusammentreffens; und sie ist leider nicht zu erledigen, ohne noch einmal auf die Frage des Befindens zurückzukommen. Ich bin beim Starkwasser; es schadet mir nichts. Auch habe ich etwas zugenommen. Hingegen keine Verbesserung der Farbe. Auch kein wirklich erheblicher Aufschwung. Vielmehr habe ich von Sanatogen immer fühlbare Erfolge gehabt. Darin liegt für mich ein indirekter Beweis, daß die Blutmischung nicht das eigentliche Deficit bedeutet. Aber ich glaube auch nicht, daß die Nerven die Hauptschuld tragen. Denn dies Semester war objektiv betrachtet leichter als alle früheren: nur 1 Stunde Kolleg wöchentlich neu (gegenüber 5 im vorigen Semester), eine Stunde weniger zu lesen, so gut wie keine Dissertationen, wenig Sitzungen - alles ist geringer geworden. Der Schlaf ist im allgemeinen
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| gut. Appetit sehr reichlich. Trotzdem eben dieser Zustand, der mich so tiefgreifend verändert: nämlich die Freudlosigkeit und Schwunglosigkeit, die sicher physische Ursachen hat. Montag fühlte ich mich einmal wie früher; es war wie ein Blick in die Seligkeit; dabei ohne äußeren Anlaß, rein aus gesteigertem Befinden heraus. Verzeihen Sie diese lange Deklamation. Kurz, ich möchte einen Arzt fragen, und wenn der Onkel irgend erreichbar wäre, sagen wir er wäre in Hamburg, so würde ich ihn möglicherweise vor Weihnachten noch aufsuchen, da ja unsre Pläne davon abhängen.
Denn über diese Pläne möchte ich Klarheit. Daß meine ganze Seele sich nach Ihnen sehnt, ist nicht zu sagen nötig. Aber die Pflicht lastet so auf mir, daß ich davon eine Beeinträchtigung fürchte. Ich habe nach Weihnachten ca 25 Staatsarbeiten, die ich z. T. wenigstens erledigen muß, wenn ich nicht im Gedränge untergehen will. An die Festschrift für Riehl denke ich kaum. Aber Plato muß auch noch studiert werden. Und nun nehmen Sie an, daß ich am 23.XII nach Berlin komme,
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| neben der Arbeit alle Stätten der Neigung u. Pflicht abjage, daß ich dann am 4 I. nach Cassel fahre und am 7.I. nach Leipzig - das bedeutet, daß die Ferien unruhiger werden als das Semester. Ich nenne nur: Riehl, Paulsen, Lenz, Ministerium, Ludwig, Baumschulenweg, Lichterfelde - Böhms, Knauer, Scholz - ich erschrecke, indem ich es schreibe. Aber nach Berlin muß ich doch. Treffen wir uns nun dort, dann reisen wir zwischen Tante Grete, Paulsens, Riehls, Keithstr, Pankow. etc. umher, für uns beide nicht das Rechte. Ich ziehe also Cassel vor. Aber klüger wäre es doch, vorher einen Arzt zu fragen, der mir vielleicht durch eine zweckmäßige Diät mindestens das Recht gibt, vieles zu meiden.
Ich bitte Sie bei unsrer Freundschaft, dies mit mir zu überlegen. Ihr definitiver Rat wird für mich die halbe Entscheidung bedeuten.
Übrigens muß ich hinzufügen, daß mir Berlin immer sehr gut bekommt. Montags bin ich relativ frisch gewesen. Vielleicht steckt so ein allgemeiner Rheumatismus in mir, dem man irgendwie beikommen kann. Es ist z. B. denkbar, daß auch die betr. Empfindungen eine leichte rheumatische Affek
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|tion der Bauchmuskeln sind.
Bei Riehls war es Sonnabend und Sonntag vorm. nur herzlich und schön. Aber sie legen so viel Wert auf mein häufiges Kommen, daß ich wohl täglich bei Ihnen sein werde. Ich verstehe dies aus der Situation heraus. Ich bin wohl jetzt so alt, wie Riehls Söhne wären, wenn sie noch lebten. Dazu die Kollegenschaft u. das gemeinsame Interesse. So wird auch das Schönste im Leben zur Schwierigkeit, weil eben der Beruf den ganzen Menschen fordert.
Auch Friedmann agitiert mich fast täglich. Er ist in einer verwickelten Situation, etwas mal propre, im Grunde nicht mein Fall. Ich bin da der verstehende Freund, nicht der verzeihende, aber wenn das zu pharisäisch ist - es degoutiert mich.
Den Plato habe ich geschlossen wie ein Seher. Wie viel Glück müßte unter anderen Umständen daraus erwachsen.
Freitag schließen die Vorlesungen. Dann noch Examina. Hôtel Hauffe glatt u. ohne Störung. Preis 100 M ohne Trinkgelder 7 Leute.
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Zur Wissenschaft komme ich garnicht. Die Professur hat so viel wichtige Beziehungen zum Leben, daß ich in allem gefragt werde.
Lenz geht nach Hamburg. Er hat mir einen 16 Seiten langen Brief mit <ein Wort unleserlich> geschrieben. Darüber mündlich. (Denn das ist sicher, wie es auch sei, und wäre es 1 Tag.)
Deshalb will ich nun auch nicht ausführlich werden. Ich schreibe erst wieder zum Heiligen Abend nach Cassel. Reisen Sie recht glücklich, grüßen Sie Knapsens und Seitzens, und dann vor allem die Tante.
In Norddeutschland waren Sonntag überall schwere Gewitter. Soll der Mensch in Ordnung sein, wenn die Natur so schludert?
Es geht mancherlei Interessantes vor, wovon wir reden werden. werden.
Heute innigste Wünsche, Grüße u. Dank
Dein
Eduard