Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Dezember 1913 (Leipzig, Grassistr. 14)


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<4 Adressestempel in Viereck, in der Mitte Datum>
Professor Spranger Leipzig, Grassistr. 14.
Weihnachten 1913. 22.XII.13.
Liebes Kind!
Die liebe Sendung hat mich erinnert, daß Weihnachten ist. Gestern habe ich mir den Baum angesteckt und eine stille Feier gehalten, bei der Sie den Mittelpunkt bildeten (s. o.) Alles ist so lieb und schön wie stets, am liebsten aber Ihre Worte. Der Kalender ist ein Glanzstück von Kunstfertigkeit und außerdem so sehr praktisch. Die Kunstformen der Natur sind sehr borstig und alles ebenso anzüglich wie anziehend. Ich habe nicht die Ehre, diese hohlen und spitzigen Früchte zu kennen. Aber die Symbolik im Verein mit dem Wahrspruch muß ja jeden Besucher den Aufenthalt bei mir traulich machen, wie mich die Mondscheinsonate berührt. Merkwürdig, wo Sie zur
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| Nachtzeit den Kahn herbekommen! Die Reisedecke paßt auch in diesen Zusammenhang. Sie füllt zunächst im Hause ein stark empfundenes Bedürfnis aus. Auf die Reise kann ich sie diesmal leider noch nicht nehmen, weil ich keine Hand frei habe. Das Biskuit paßt zur Bissigkeit. Und so danke ich für alles mit all den Gefühlen, die in mir jung sind wie vor 10 Jahren, und der Sonnenschein meines Lebens. Auch ohne Worte wissen Sie dies: nur Äußeres findet den Austausch, und eigentlich auch ihn nicht, sondern nur seine Ausführlichkeit, weil ich ein Lasttier und ein Esel bin.
Weil die Tante den Wein bekommen hat, habe ich es für richtig befunden, Sie an die Kette zu legen. Die ganzen Tage war ich unruhig, weil ich ein so ungeschickter Käufer bin. Sie müssen mir ehrlich sagen, ob ich mich nicht von den lieben Sachsen habe bedimpeln lassen. Es war gewiß kein Ramschbazar, in dem ich kaufte. Aber wenn es Nickel oder <ein Wort unleserlich> wäre statt
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| Silber, so würde dies meinen bisherigen Leistungen nur entsprechen. Ein kleines Berlock habe ich für hübsch gehalten. Es ist einfach und klar, wie wir sein wollen, ohne Prätension, und wenn es seine Pflicht tut, hat es auch keine Symbolik.
Sonst ist die Sache diesmal schmal; der Schmoller macht sie voller.
Aber ich rede hier von allerhand Geschichten und habe noch nicht einmal gesagt, wie sehr mich Ihr Mißbefinden betrübt. Immer zur Reise! Und gerade zu Weihnachten. Ich bin sehr unzufrieden und mißbillige Sie. Dies Wichtigste könnten Sie mir zum Fest wohl schenken.
Nach eingehender Überlegung scheint mir doch am besten, daß ich am 4. Mittags komme u. am 7. Mittags fahre. Alles andre erfüllte nicht den Hauptzweck eines wirklichen Zusammenseins. Am besten wäre es schließlich, wenn sich nicht zuweil ein Privatlogis fände, so à la Mittenwald mit 4 Betten oder Friedrichshafen. Früher zu kommen, geht nicht gut,
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| weil ich im Ministerium etwas zu erledigen habe und auch sonst recht frei sein möchte. Den Tag am 5. habe ich dann schwimmen.
Es ist wirklich nicht zu beschreiben, wie ich mit unvermeidlichen Nebenfunktionen überlastet bin. Seit Schluß der Vorlesungen arbeite ich wie ein Vieh, um nur durchzukommen und nicht alles morgen mittag in den Koffer packen zu müssen.
Dabei habe ich übrigens uns ein Weihnachtsgeschenk gemacht. Das Gesuch an das Ministerium um Entlastung ist abgegangen. Die Wirkung kann freilich erst im Oktober eintreten. Geht man nicht darauf ein, stelle ich die Kabinettsfrage.
Die Konsultation des Onkels, die selbstverständlich nicht als eine Freundschaftsleistung angesehen werden dürfte, wird sich mit dem Besuch in Cassel gut verbinden. Anders liegt es mit der Frage, ob die Tante nicht etwa im Genuß des Zusammenseins gestört wird, wenn der grobe Gast, in Freudenstadt freilich der gebildetste Mann, dazukommt. Darüber müssen Sie nun ehrlich schreiben.
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Wenn ich unsre Existenz erwäge - sind wir nicht eigentlich Opfer der Kultur? Wenn die Post nicht so gut arbeitete, wie viel mehr Ruhe bliebe dann. Es ist heute garnicht mehr denkbar, in der intensiven Versenkung und Hingabe an das wahrhaft Wichtige fortzuschreiten. Habe ich seit 2 ½ Monaten einen Baum gesehen? Wo ist der Granit, den ich umfassen könnte, um den Wurzeln der Existenz näher zu kommen? Ja, ist das noch Leben, wenn man so zum Sklaven einer Funktion wird? Ich bin doch gewiß frei von heterogenen Neigungen. Hätte ich sie - das Amt käme überhaupt nicht zu seinen Forderungen.
Aber mündlich geht das besser als mit dieser ermüdeten Hand. Darum will ich Ihnen nur noch ein gesundes harmonisches Fest in Ihrem kleinen Kreis wünschen. Der Dritte dabei bin ich.
In Liebe und Treue
weihnachtlich Dein Eduard.