Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. Dezember 1913


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Charlottenburg, den 30.XII.13.
Liebe Freundin!
Es ist mir nicht möglich, das alte Jahr mit einer Unklarheit zwischen uns zu beschließen. Den Anlaß dazu gibt der beiliegende Brief, den ich eigentlich erst an die Tante mit der Bitte um Auskunft senden wollte. Aber wozu diese Vermittlung?
Zum zweiten Mal werde ich auf dieselbe Sachlage hingewiesen. Ich habe keine Veranlassung, eine andres als freundshaftliches Motiv dafür zu suchen, und bin für diesen Brief deshalb dankbar. Im folgenden gehe ich von der Hypothese aus, daß der darin geschilderte Tatbestand zutrifft. Ich brauche nicht zu sagen, mit welcher Aufregung, ja ernsten Verstimmung mich das erfüllt hat.
Was Sie da tun ist ein Unrecht
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| gegen Sich un gegen mich. Sie fehlen gegen Grundsätze, die niemand unablässiger <ein Wort unleserlich> als Sie; und Sie tun es, ohne die mindeste Notwendigkeit. Denn vorausgesetzt, daß Sie so sparen müßten, so hatte ich das Recht, daß Sie mir dies schon früher sagten, als wir dasselbe Thema behandelten. Da nun diese offene und selbstverständliche Erklärung gefehlt hat, so habe ich den Schmerz, Sie auf einem Wege zu finden, der, wie Sie wissen, die Beziehungen zwischen meinem Vater und mir Jahrelang schwer getrübt hat. Sie werfen mich außerdem in einen Kreis von Sorgen zurück, von denen frei zu sein für mich deshalb Lebensbedingung ist, weil alles Kleinliche das Wertvollere hindert. Es bleiben begründete Sorgen genug.
Ich möchte Sie herzlich bitten, Ihren Zorn nicht wieder gegen die Schreiberei des
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| Briefes zu wenden, sondern sich ernstlich zu prüfen, ob dieser Brief recht hat. Ich verpflichte Sie, über die Mitteilung des Briefes gegen Frl. Knaps zu schweigen. Der Tante können Sie ihn zeigen. Für mich gibt es hier nur zweierlei: entweder tiefe Dankbarkeit gegen die Schreiberin, die mich - jene Hypothese vorausgesetzt - auf etwas aufmerksam macht, was mich innerlich mehr erregt, als Sie ahnen, - oder aber künftigen Abbruch der Beziehungen, falls die Hypothese nicht zutrifft, wegen unerhörter, fahrlässige Einmischung in unsre Kreise.
Ihre Antwort, die mir erst wieder Ruhe bringen wird, erbitte ich umgehend per Eilbrief. Um so mehr, als das ganze Schicksal der Casseler Tage davon abhängt. Beschönigen Sie nichts. Ist es so, wie der Brief sagt, dann soll die Diskussion darüber mündlich nicht wieder aufgenommen
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| werden. Ich darf denn aber erwarten, daß Sie sich der Form fügen, wie ich diese Mißstände regle.
Sie erwarten vielleicht, daß ich über diesen Fall in weniger erregtem Ton zu Ihnen spreche. Aber überlegen Sie selbst, ob ich das alles nicht so empfinden muß. Ich habe keine Zeit abzuwarten, bis ich ruhiger werde.
Ein Wort zu Neujahr daran zu knüpfen, paßt nicht, wo sich so andersartige Gefühle momentan vorgedrängt haben. Daß aber die alten dahinter liegen und daß auch dieser Brief nur aus diesen erwächst, das überlasse ich Ihnen zu fühlen. Sie werden es.
In herzlicher Liebe wie stets
Eduard.

Den Brief bitte zurück.