Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Januar 1914 (Leipzig, Grassistr. 14)


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<Stempel: Professor Spranger
Leipzig, Grassistr. 14.>
[von fremder Hand?] 9.1.1914
Liebe Freundin!
Als einziger Fahrgast im Coupé bin ich über Erfurt - wo Nieschling, Max Hagen und Banz mich erwarteten - glücklich hier angelangt und fand den Brief auf meinem Schreibtisch, der sonst schon getaut war. Eine Fülle wichtiger Entscheidungen mußte gestern schon getroffen werden. Vor allem mit Bezug auf den Kongreß. Brahn hat die Sache in den Dreck gefahren, legt den Vorsitz nieder und überläßt uns die Leiche unter dem königlichen Protektorat. Der Oberregierungsrat Dietrich u. ich haben erklärt, daß wir nur unter der Bedingung der Vertagung auf 1915 dabei bleiben können. Ich kämpfte wie ein Löwe, um den Vorsitz von mir fernzuhalten. Es ist aber sicher, daß ich ihn zur Hälfte
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| bekomme, da alle überzeugt sind, daß ich allein die Sache machen kann. Einer von den Fällen, wo keine Entscheidung mehr möglich ist, sondern nur "pflegliche" Behandlung des weiteren Verlaufs.
Wie vorauszusehen, stand unser Cassel unter dem Zeichen großer Unruhe. Ich bin aber glücklich, Sie gesehen und gesprochen zu haben. Schreiben Sie mir nicht, ehe Sie nicht mit dem Auge ganz in Ordnung sind.
Von Erholung habe ich nichts mitgebracht. Mein Kolleg heut früh war auffallend leer. Geprüft habe ich schon wieder die halbe Welt. Morgen ist eine Fakultätssitzung, in der der Fall Bücher-Spranger zur Sprache kommt, außerdem allerhand, was mich betrifft.
Der verehrten Tante sagen Sie in meinem Namen Dank für alle Mühe
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| und Güte, die sie mir gewidmet hat. Ebenso dem Onkel. Über diesen Fall bitte ich s. Z. noch Nachricht. Bitte auch Tante Fanny u. Herrn Walther zu grüßen, ebenso Kurt.
Ich schreibe heut nicht mehr wegen dienstlicher Pflichten. Anbei das Gepumpte mit herzlichem Dank zurück. Glückliche Heimkehr!
Tausend herzliche Wünsche und Grüße
in Dankbarkeit.
Dein
Eduard.