Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Januar 1914


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14.I.14.
Liebe Freundin!
Ihr heute angekommener lieber Brief hat mich zu einer Eigenmächtigkeit veranlaßt, für die ich auf Ihre innere Zustimmung hoffe. Es tut mir weh, daß Sie sich so mit der weiteren Entwicklung des Heidelberger Falles quälen, und so habe ich getan, was ja schließlich nur der ordnungsmäßige Weg ist: ich habe den Brief selbst beantwortet. Ihre Absicht, vorher zu schreiben, schien mir nämlich nicht glücklich; denn wie viel Briefe von Ihnen dieser Art waren schon ganz erfolglos! Und außerdem käme diesmal der Schlag von einer ganz unvermuteten Seite.
Ich habe also geschrieben, so geschickt oder so ungeschickt, wie Sie es mir zutrauen. Nicht nur über den vorliegenden Fall, sondern generell
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| meinen Eindruck. Der Anfang ist absolut klar und rückhaltslos offen; der Schluß sehr warm und sehr entgegenkommend. Ich habe ihr gesagt, daß meine Absicht wäre, die Gefährdung der Freundschaft zu verhüten, daß eben diese Freundschaft ganz neu aufgebaut werden müßte, mit aller Schonung, mit vollem Eingehen, auf völlig anderen psychologischen Voraussetzungen. Schreiben Sie also jetzt nichts; ich habe auch gebeten, weder Ihnen noch mir zu antworten; sondern sprechen Sie sich in Heidelberg noch einmal untereinander restlos aus, aber in der Voraussetzung (die auch die meines Briefes war), daß das Endergebnis eine definitive Verständigung auf neuer Grundlage ist. Gelangen Sie nicht bis zu diesem Punkte, dann weiß ich keinen Weg mehr. Es soll diesmal kein Kompromiß sein, sondern eine Neuschöpfung. Sie wird, wie ich geschrieben habe, nicht auf einmal erfolgen, sondern nur im
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| Zusamenleben, allmählich, unter Schonung der Freiheit und aller Gefühle. Nichts Wesentliches ist meinerseits ungesagt; aber auch kein Wort zuviel. Die ganze Wirkung des Briefes ist geschildert, aber die Absicht durchgängig als die beste vorausgesetzt. Geheimnisse verworfen. Meine Einmischung als Notfall motiviert: ich kenne eine Freundschaft zu dreien, aber nicht so, daß der Dritte zwischen den beiden steht. Das Ganze ist ein warm gemeintes Ultimatum, das dauernde Unstimmung nur bei völliger Fremdheit des Empfindens hervorrufen kann. Wenn Sie diesen Brief erhalten, ist mein Schreiben in Heidelberg.
Die anderen Punkte berühre ich nur kurz, damit der Brief noch auf die Post kommt. Sie sagen diesmal nichts von Ihrem Auge. Ist es ganz in Ordnung? Und um den Fall selbst sollen Sie nun sich nicht krank machen. Das ist Wasser auf des Vorstands Mühle. Lag eine
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| Realität in dieser Freundschaft, die werden Sie nicht verlieren; im anderen Fall können Sie einer Selbsttäuschung nicht nachtrauern.
Über die Untersuchung u. das Ergebnis will ich mich später noch einmal äußern. Den Onkel eins meiner Bücher dedicieren, heißt ihn 2mal belästigen. Aber gewiß ist es eine Form. Daß es der Tante zu viel werden würde, habe ich gleich gefürchtet.
Mir ging's hier anfangs schlecht: Angst vor dem ungeheuren Berg war die Hauptsache. Die Kongreßangelegenheit war eine große Gefahr. Z. T. ist sie beseitigt. Viel Psychologie habe ich dabei gelernt, des Judentums im allgemeinen, des Kollegen Brahn im besonderen. Der gestrige Tag war ein schweres Stück für m. Politik.
Im Ministerium hier fürchtet man meinen baldigen Fortgang. - Solche Tage wie die letzten sind in der Tat aufreibend. Die Sitzung verlief für mich glatt; aber für Lamprecht als Niederlage - Klara Runge noch immer im Krankenhaus!! Die Schwester an Scharlach in einem andern!! Eine verfolgte Familie!! Was kann man helfen??
<re. Rand> Komme eben von Frau Rohn.
<li. Rand> Schmoller will m. Beitragschon im Aprilheft drucken. Die "Deutsche Schule" drängtim Original prüfen, ob Wort hier etwas korrigiert ist täglich.
<Kopf> Ad Wundt u. den Kalender ein andermal.
Herzlichst, treu
Dein Eduard

[re. Rand S. 2] Ich habe auch gesagt, wie sie die Mahlzeiten bei K. S. jetzt empfinden müssen; es ist also möglich, sie abzubrechen.