Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. Januar 1914 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 25. Januar 1914.
Liebe Freundin!
Ich habe Ihrer und Ihrer Heidelberger Schicksale in diesen Tagen sehr, sehr lebhaft gedacht und herzlich bedauert, daß ich nicht früher schreiben konnte. Den Brief von Frl. K., den ich das nächste Mal beifügen werde, habe ich mit Interesse gelesen. Mein Eindruck ist der: Wenn das Ganze nur in dem Neujahrsbrief seine Ursache hätte, so fände ich unsre Aufnahme und Reaktion zu hart. Aber die Verstimmungen und Eingriffe sind schon älter, und es kommt bei dieser Gelegenheit nur ein alter Gegensatz zu lebhaftem Ausbruch. Immerhin darf man wohl sein Gemüt auf keine völlige Ablehnung einstellen. Der Inhalt so langer Jahre kann nicht völlig Trug gewesen sein, und das eine ist wohl sicher, was sie schreibt: daß sie keiner Gemeinheit fähig sei. Wohl aber einer Taktlosigkeit. Und daß eine solche in dem Brief enthalten gewesen wäre, auch wenn alle seine Behauptungen zutreffend gewesen wären,
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| das war allerdings mein Eindruck, und wohl der eines jeden, der ihn las. Der Zusammenhang, in den sie alles rückte, empört mich noch heute.
Aber reden wir lieber von der Zukunft und ihrer Gestaltung. Natürlich läßt sich an einem solchen Verhältnis durch Absichten und Vornahmen nichts regulieren. Das Wichtigste ist, daß für Sie bei dieser Gelegenheit rein innere und äußere Befreiung von der Familie Knaps herausspringt. Das scheint mir das Notwendigste. Wenn Ihre Freundin den neuen Kurs nicht mitsegeln kann, so ist dies sehr traurig, zumal auch für mich, weil ich mich dann als halbschuldiger Zerstörer des Bandes fühlen muß und auch von der anderen Seite als solcher betrachtet werde. Aber ich hoffe immer noch darauf, daß etwas zu retten ist; freilich nur in der Form, daß Sie die geistige Führung in dieser Freundschaft übernehmen, wie es wohl dem Rang- und Rollenverhältnis entspricht. Es ist möglich, wie mich die Erfahrung
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| lehrt, eine Beziehung auch dann mit innerem Gewinn noch weiterzuführen, wenn man weiß, daß es gewisse Punkte in ihr gibt, die man nicht berühren darf, oder nur selten und mit Schonung. Eine Zeit „gemäßigter Verbindung“ wird ja wohl eintreten müssen. Aber wenn dies von der einen Seite mit Nachsicht, von der anderen mit Takt geschieht, so glaube ich allerdings den Worten des Briefes, daß der große Gehalt der früheren Neigung nicht völlig verbraucht sein kann. Ich empfinde es schmerzlich, daß Ihnen da an Ihrem Heidelberger Leben ein Eintrag geschieht, nicht zuletzt durch mein Dazwischentreten; aber das brauche ich wohl nicht zu sagen, daß ich nicht etwas sprengen wollte, daß weder Eifersucht noch Abneigung bei mir mitsprechen, sondern nur der innige Wunsch, Sie so frei zu sehen, wie es für Ihr inneres und äußeres Leben notwendig ist. Ich ahne alle diese Auseinandersetzungen, die Ihnen schon deshalb schrecklich sein müssen, weil Sie Dinge hervorzerren, <gestrichen: Wort unleserlich> denen man überhaupt keinen Ausdruck durch Worte leiht. Aber
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| das kann vergessen werden, wenn eine Wiedergeburt erfolgt, und diese halte ich unter dem heilenden Einfluß der Zeit nicht für unmöglich. Sie werden mir von dem Fortgang der Dinge schreiben und versprechen mir, Ihr Gemüt dadurch nicht tiefer belasten zu lassen: es ist ja nichts Menschliches ohne Krisen. Ihr Heidelberger Umgang, so weit er Ihnen wertvoll ist, wird dadurch hoffentlich nicht berührt, so daß Sie sich nicht allein fühlen, auch wenn Ihre Besuche in der Bunsenstr. einstweilen seltener werden. -
Meine Arbeit war im Januar müßig, mein Befinden infolge der erfrischenden Kälte ungewöhnlich gut. Trotzdem bin ich gerade hierher nur aus starker Anspannung sehr gehetzt gekommen und fand nun allerlei nicht in Orndung. Mein Vater hat einen langwierigen (Gottlob sonst nicht schlimmen) Katarrh. In der unseligen Testamentsvollstreckungschwebt ein Prozeß, der zwar keine Gefahr bedeutet, aber meinen Vater beunruhigt, die Gespräche belastet etc. etc.
Jetzt muß ich dinieren u. nachm. will ich mit dem Registrator an den zugefrorenen Tegler See.