Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Februar 1914 (Leipzig, Grassistr. 14)


[1]
|
7.II.14. <Stempel> Professor Spranger
Leipzig, Grassistr. 14.
Liebe Freundin!
Wenn es so ginge, wie man will, hätten Sie längst Antwort auf Ihren lieben Brief. Denn es hat mich tief betrübt, Sie da in einer nicht endenden Herzensnot zu sehen, und so ganz hoffnungslos, wie sich alles entwickeln soll. Aber das sagen Sie ja selbst: hier wird keine Heilung ohne die Zeit. Und dann möchte ich Ihren 3 Stadien vom Steinwurf doch etwas anderes entgegenhalten: im ersten Stadium ist man abhängig, im zweiten geht man auseinander, im dritten steht man darüber und zieht empor. Sie sind vorläufig noch im zweiten; das Gefühl des Verletztseins ist noch zu stark. Aber ich merke doch schon gewisse Symptome vom 3. Stadium heraus: Der Rollentausch
[2]
| geht dahin, daß Sie nun die Seelenpflege übernehmen und auch Rückfälle verzeihen. Sie müssen da werden wie ein Fels. Das alte Verhältnis kommt nicht wieder. Aber es gibt so nach Gewittern einen schmalen Sonnenstreif am Abendhimmel, der Ersatz für einen schönen Abschluß sein muß. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wo und wie auch ich das kennen gelernt habe. Kein Kampf ist doch so schwer als der um die Freiheit; die äußere erringt man sich noch leicht, aber die innere, die man nur vor sich selbst rechtfertigt, die kommt einem immer vor wie eine stille Schuld.
Es ist sehr hart, außer Seelenschmerzen nun auch noch von Zahnschmerzen heimgesucht zu sein. Manchmal will es garnicht wieder licht werden: aber wollen wir nicht auf den Frühling hoffen?
[3]
| Das Projekt Hoffmann hat eine Seite, von der es mir gefällt. Ich habe schon immer gedacht, was wird, wenn Port alles exportiert hat. Aber ein Bedenken habe ich, ob Sie da nicht mit Präparaten in Berührung kommen, die eine Ansteckungsgefahr bergen? Sie wissen, wie ungeheuer empfänglich Sie dafür sind! Hierüber bitte ich noch ein Wort.
Nachrichtendienst: Bei der kleinen Cäcilia Oesterreich werde ich als (geschriebener) Pate fungieren. Sie wird mein 5. Patenkind sein. Tag werde ich Ihnen mitteilen. Ich dachte eine kl. Halskette mit einem Herzchen zu schenken. Kennen Sie Leberecht Hühnchen? (spielt in Tegel u. Steglitz, deshalb las ich es eben) danach jedenfalls keinen Trinkbecher.
Die Entlastung ist verfügt. Es wäre sehr umständlich, sollte ich Ihnen den Modus genau entwickeln. Jedenfalls prüfe ich jetzt auch Philosophie, so daß ich also mündliche Termine
[4]
| nicht verliere, wohl aber ca 20 schriftl. Arbeiten und 10 Probelektionen pro Semester. Das bedeutet ca 40 Stu[über der zeile] nden = 1 Woche Arbeit weniger. Freilich sind damit auch weniger angenehme Nebenwirkungen verbunden, deren Schilderung zu weit führen würde. Der Decernent war bei mir und hatte bezüglich des Kollegen Barth noch weitergehende Forderungen, die ich nicht erfüllen kann, weil sonst Fakultät und Studentenschaft mich steinigen würde. Außerdem hat mir der Herr eine Sottise gesagt, die er demnächst zurückbekommen soll. Leberecht Hühnchen hat in mir einen philosophischen Gedanken ausgelöst, der für die Riehlfestschrift geeignet ist. Es ist mir aber immer noch zweifelhaft, ob ich für diese überhaupt etwas liefern kann. Denn das wird mir täglich klarer: ein Leben unter solchen physischen Hemmungen wie dies Semester darf nicht fortgesetzt werden. Jeder etwas besetztere Tag bringt mich
[5]
| völlig von Kräften. Dabei habe ich es noch kein Semester so leicht gehabt wie dieses. In 3 Wochen ist so ziemlich Schluß. Aber ich bin mit beiden Vorlesungen noch weit zurück, u. bis dahin ist unglaublich zu tun, immer Nebenverpflichtungen, nie Wissenschaft. Das entsetzliche Examinieren. Dienstag allein 4 Stunden, Freitag 3 Stunden - es tötet mich durch seine Eintönigkeit. Dazu endlose Sitzungen. Aber am Donnerstag war ich im Gewandhaus - vorher u. nachher Gast, in der Mitte Juden u. Parfümgestank und ganz verborgen etwas sehr schöne Musik.
Ich hätte noch tausenderlei zu schreiben; aber der Sonnabenddienst ist Aufwaschen für die ganze Woche. Deshalb sage ich nur noch, daß der berühmte Vetter aus America (Gobisch) in Berlin ist, u. daß hier seit 1 Wochen wundervollster Frühling ist, so daß man die Knochen kaum 1/4 Stunde
[6]
| transportieren kann.
In treuer Teilnahme an all Ihren Sorgen und in der Hoffnung, daß alles bald heller erscheint, grüßt Dich innig
Dein
Eduard.

Gelegentlich regen sich Osterprojekte, die ich schleunigst unterdrücke.