Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Februar 1914


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18.II.14.
Liebe Freundin!
Es scheint mit uns beiden nicht viel los zu sein - a) physisch b) geistig. Sie haben eine ganze Notstandskiste entwickelt, von den armen Zähnen und der Hinfälligkeit bis zu den Bergisch-Märkischen. Ich habe geschwiegen, um nicht Klagelieder zu singen, wo Sie mir doch nicht helfen können. Ich hoffte auf Besserung, sonst hätten Sie nicht so lange keine Nachricht bekommen. Ich soll diese Müdigkeit nicht kennen? Ach du mein Gott, toute la même chose! Am Tag kaum 6 Stunden arbeitsfähig u. täglich neue nervöse Beschwerden. Dabei glänzender Appetit, Sanatogen, Äpfel, Spazierengehen, und in der Regel langer Schlaf (vielleicht nicht tief genug u. unruhig), aber im ganzen ein freudloser Zustand. Ich war wieder mit dem Gedanken des Semesterabbruchs beschäftigt und
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| ganz nahe daran Sie zu rufen; dann wieder entschlossen, mit dem Famulus auf 3 Tage nach Oberhof zu gehen. Die Pflicht hielt mich fest, und ich bin bis heute nicht gestorben. Aber leben - liebes Kind - kann ich das nicht nennen. Nur Sie werden von hieraus zweierlei verstehen: 1) daß ich mit den Ärzten hadere; denn von der Arbeit allein kommen solche Zustände nicht; meine Art zu arbeiten ist trotz allem mäßig und vernünftig, zumal jetzt. Vielmehr ist daran eine Konstitution schuld u. außerdem bestimmte Tatsachen, nach denen der Arzt fast nie fragt, die aber entscheidend sind. 2) daß ich garkeinen Mut zur Zukunft habe und an einen Schreibtisch nicht einmal gern denke. So schwierige Messungen kann ich jetzt garnicht vollziehen; mich ängstigt der Gedanke. Sie müssen mir also schon noch etwas Zeit geben, - der Zustand, daß man nie an eine ungestörte Durchführung des Semesters glaubt, ist traurig. Dabei sind meine Vorlesungen immer gut, z. T. excellent,
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| und der Besuch absolut konstant, z. T. wachsend! das ist abnorm, kostet aber Kraft.
Mit dem Spazierengehen ist hier nicht viel. Einmal war ich in Freyburg u. schaffte den Weg von 1 1/4 Stunden mit Mühe. Die Fahrt nach Kösen war ohne Ertrag, weil ich mir den Magen verdarb, Schnupfen holte u. nachts Fieber hatte.
Am Sonntag 3-4 ist in Tübingen, Naukler-Str. Taufe. Ev. Glückwünsch maßvoll, weil Mutter jüdisch.
Aber der Hauptpunkt meines Schreibens: der 25.II. Es geht mir ein Ding durch den Kopf, das vielleicht bei m. jetzigen Verfassung ein <Wort unleserlich > ist. Ich möchte Ihnen eigentlich ein - Kleid schenken. Das ist nun anders als beim Schreibtisch - weder können Sie's allein bestimmen, weil es auch bei unsern Reisen gelegentlich an die Reihe kommen soll, noch ich allein, weil ich ein Esel bin, was Friedmann bestätigte. Also habe ich nicht gewagt, einen Stoff zu wählen, obwohl ich an hellgraue
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| Seide dachte. Hierüber erbitte ich Ihre Ansicht. Wenn Sie aber einen andern Wunsch haben, so wäre es sehr lieb, wenn Sie ihn mir außerdem schrieben, und zwar sehr eilig.
Sie haben jetzt einen sehr besetzten Tag. Immer mit Vorsicht u. mit Pausen! An sich ist den Nerven eine mäßige Ausfüllung des Tages nicht schädlich. Aber nicht so plötzlich so viel.
Was die Ferien betrifft, so habe ich keinen sehr großen Reisedurst. Ich möchte in Berlin ganz nach meinem goût leben, denken, und was herauskommt, für Riehl aufschreiben. Sonst ist Gottlob keine dringende Ferienarbeit, u. auch diese muß im Notfall aufgegeben werden. Merke ich, daß dies allein nicht schafft, so denke ich an Lugano oder – Reichenau. Es wäre sehr gut, wenn Sie mit Ihrem Doktormenschen ein Abkommen treffen könnten, wann einmal eine Pause eintritt. Den Fall Knaps berühre ich heut nicht; aber Sie schreiben mir doch? Ich will jetzt den Brief in den Kasten tragen. Lesen Sie aus ihm all das liebevolle tägliche Gedenken u. die Antworten heraus, die ich zu schreiben zu konfus u. zu müde bin. Es ist hier recht <li. Rand> einsam. Am 2. März ist Erlösung. Merkwürdige Heimat, nicht?
Treulich und innig Dein Eduard.

[li. Rand S. 1] Montag 3 Kandidaten 3 Std. Dienstag 3 Kand. 3 St. darunter 1 aus Freudenstadt, Lastesel.
[re. Rand S. 1] Müssen Sie auf den Tausch der Deutschen Bank eingehen? Das ist doch ein halber Konkurs. Ich finde bestätigt, was ich immer sagte, daß Ihr Kapital unzweckmäßig angelegt war. Ich habe gar keine Papiere und auch 4 %. Da ist kein Kursverlust. Bitte Antwort!
[Kopf S. 2] Klara Runge aus Krankenhaus entlassen. Habe ihr zur Erholung 50 M geschickt.