Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1914 (Leipzig, Grassistr. 14)


[1]
|
<Stempel: Professor Spranger
Leipzig, Grassistr. 14.>

23.II.14.
Mein Liebling!
Es ist sicher das liebste Schriftstück dieses Semesters, das ich hier beginne, und ich wünschte, daß ich recht lange dabei verweilen könnte. Nicht um Wünsche auszusprechen - denn bedarf es dazu der Sprache? - sondern um an diesem Tag ein bißchen zusammenzusein und sich als Mensch zu fühlen. Wir brauchen es beide!
Die ganze innere Gewißheit und der ganze gegenseitige Glaube, den wir haben, gehört dazu, um diese Carenz auszuhalten. Wir haben früher mehr austauschen können. Ich entbehre das wie Sie. Aber daß ich das Gefühl treuen Besitzes trotzdem stets habe, das möchte ich Ihnen heute danken. Kein Mensch, nicht einmal Sie, können ermessen, was das für mich bedeutet und wie ich
[2]
| schweigend in dieser Seligkeit lebe. Daß ich mit dieser tiefen Ruhe durchs Dasein gehe, ist Ihr Werk. Ein Mensch, der diese innere Festigkeit nicht hätte, könnte an meiner Stelle nicht stehen. Alle meine Hoffnungen hängen an Ihnen, und es ist kaum ein Wunsch in mir für Sie, der nicht zugleich egoistisch wäre: so hängen wir zusammen.
Ein deutlicheres Zeichen dafür hätte ich Ihnen gern gesandt. Bücher, auch wenn wir Ihnen innerlich nahe stehen, sind für den 25. Februar mir wenigstens nicht persönlich genug. Betrachten Sie also diesen Dilthey nur als ein Vorausgesandtes. Wenn wir zusammen sind, werden wir noch einmal Geburtstag feiern.
Und Sie haben mich zu Ihrem Geburtstag viel schöner beschenkt. Sie ahnen nicht, wie ich mich darüber gefreut habe. Gekauft hätte ich's mir nicht, eben weil es mir dann nicht
[3]
| so viel Freude bereitet hätte. Aber von Ihnen ist es mir doppelte Heimat, und ich bin ganz berauscht von den lieben Gedanken, die alles weckt. Herzlichen Dank!
Nun aber kommt die Entschuldigung: Die Schreibtischfrage will doch überlegt sein, und ich kann jetzt weder messen noch überlegen. Seien Sie nachsichtig mit mir. Es ist nicht Gleichgültigkeit, sondern eben Interesse, ich nehme die Frage ernst. Aber diese Tage sind fürchterlich. Es geht über eines Menschen Kraft. Diese Hast und Zersplitterung. Nach vielem Absagen u. Verlegen folgendes Programm: Dienstag 8-9 Kolleg, 9-10 Doktorprüfung 2-8 nach Halle zur Besichtigung d. Frankeschen Stiftungen mit den Pädagogen (muß natürlich gerade jetzt kommen!) Mittwoch 8-9 Kolleg 9-10 Examen 5-6 offizielle Abiturientinnenenfeier 6-10 Fakultätssitzung s.u. Donnerstag 8-9 Kolleg 3-4 Examen, 4-5 Sprechstunde, 6-10 Kongreßsitzung. Freitag Dienst von 8 früh bis 10 abends. Das sind
[4]
| allein die festliegenden Sachen. Und sonst Zahlloses.
In der 1. Kammer hat eine Exc. Waentig die Lage der Ordinarien kritisiert, sich aber ausdrücklich auf mich berufen (Beruf unsrer Zeit etc.) Der Minister hat die Fakultät aufgefordert, sich zu dieser Frage im Anschluß an Waentigs Rede zu äußern. Ich muß die Dinge da zur Sprache bringen. Mittwoch habe ich mein 70. Staatsexamen [über der zeile] Semester!!. Aber genug davon. Heut in 8 Tagen schließen die Vorlesungen. Wer kann bei solcher Belastung noch ordentlich lesen? Einen ordentlichen Brief also werden Sie erst erhalten, wenn dieser letzte Kampf vorbei ist. Dann auch über den Schreibtisch. Inzwischen weiß ich, daß Sie mir helfen und mir nicht zürnen. Manches ist doch noch gezwungen: der Schmoller erscheint öffentlich umgearbeitet im April. Die Deutsche Schule geht weiter. Es fehlt doch nicht an Willen und Fleiß.
[5]
| Nebenbei blitzen so schöne philosophische Gedanken auf - aber wann kommt die Zeit?
Über die Ferien möchte ich mich noch nicht definitiv entscheiden. Höhenluft jetzt ist nicht zu empfehlen. Es reizt wieder; aber ich sehne mich nach gesunder Wärme. Die Sonne in der Pestalozzistr. am Schreibtisch (ohne zu schreiben) wird mir zunächst wohltun. Weitres später.
Mit dem Onkel hatte ich gestern einen Depeschenwechsel über s. Schwiegertochter, die hier promovieren will. Hoffentlich geht es der Tante wieder gut!! Bitte Nachricht.
Und nun nehme ich für heute Abschied. Feiern Sie den Tag im Gedenken an mich, den Gefesselten. Grüßen Sie die Familie Knaps. Ich bin Dir in der Form noch
stets treu und innig
Dein dankbarer
Eduard.