Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. März 1914 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 9. März 1914.
Liebe Freundin!
Eigentlich sollten Sie ja jetzt einen ganz ausführlichen Brief bekommen; aber ich habe die Scriptitis, d. h. heute vorm. uno tenore 10 Folioseiten geschrieben, daher Handschrift etwas verbraucht. Wenn ich 3 Tage so schreibe, ist der Beitrag zum Bugrakatalog fertig; es ist eigentlich nur Schreibarbeit aus dem Kopf, soll möglichst bald fort, damit ich ganz frei bin zum denken über die "Lebensformen", die für Riehl bestimmt sind und langsam unterwegs in Heide u. Sand reifen sollen.
Die letzten Tage in Leipzig standen unter dem Zeichen des Kneipens. Sonnabend kam der Schulrat Muthesius aus Weimar, klassischer Stil, bedeutender Mann, alles druckfertig. Er kam um 5, sein Zug ging erst um 12. Er hatte ganz Zeit für mich, u. ich habe ihn bei Aeckerlein so vornehm bewirtet.
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| Montag habe ich mit dem Plato die Vorlesungen geschlossen. Dienstag: 9-10 Examen 10-11 Seminarabrechnung, 11-1 Sprechstunde 3-5 Examen, 5-6 Abschied v. Frau Volkelt, 6-½ 10 Fakultätssitzung, Schluß nicht erlebt. Ging Abendbrotessen mit Friedmann, der Schuft ruft durchs Telephon 1 Verleger mit Damen, ich armes Vieh muß bis ½ 3 sitzen und noch Sekt spendieren. Trauriges Los! Nächsten Tag so weiter. Mitten in den Aufräumungsarbeiten überfällt mich Erich Landgraf. Muß mit ihm in den Ratskeller, vorher u. nachher mit Studenten Beratung über Plato, von 4-9 Frau Rohn, dann schleunigst noch Erledigung vor der Abreise dringender Sachen. Donnerstag Abend in Ch. Mein Vater etwas Katarrh, Paula etwas Hysterisch, sonst in Ordnung. Freitag Nachm. Frau Riehl. Erzählte mir ihre Lebensgeschichte, einen Kreis des tiefsten Glücks und unsägliches Leiden. Nun verstehe ich viel tiefer, was sie ist und wie sie sein muß. Es ist alles echt an ihr und groß. Sonnabend Nachmittag Ludwigs
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| Geburtstag mit 2 Familien. Sonntag Registrator mit Braut in spe, davon haben Sie Karte aus der "Treue". Montag (heut) philosophischer Abend.
Ich will nicht ausführlicher werden, weil ich bestimmt hoffe, daß wir uns spätestens April Anfang sehen. Aber dazu muß ich nun wissen, wann Sie reisen können. Ich richte mich sonst ein bißchen nach Wetter u. Laune. Engadin oder Italien ist ja nichts, das ist mehr Strapaze und Reiz, als Ruhe, wie vorgeschrieben. Nordsee jetzt wäre mein Tod. Werde also einstweilen ein bißchen in der Mark herumkutschieren. Wir aber treffen uns - helfen Sie mir bei der Auswahl - an der Ostsee oder im Nordharz oder in Wiesbaden oder auf der Reichenau. (letztere mit besserer Privatwohnung) Sollte es gehen, daß Sie nach Berlin kommen, so wäre mir das deshalb lieb, damit Sie (neben dem Wiedersehen mit Ihren Verwandten u. m. Vater) auch Frau Riehl kennen lernen, die sehr lebhaft danach
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| verlangt. Aber ich muß mich in allem nach Ihren Ferien richten. Also bitte stellen Sie die mal fest.
Ob Sie mehrere Tage in Frankfurt sind? Hoffentlich ohne Zahnschmerzen u. sonstige Ritzung. Und wie geht es der Tante?
Heute sind die Markbilder nachgekommen. Das ganze Vorderzimmer ist in ein Museum verwandelt; ich genieße sie successive u. schmiede Pläne betr. Kennenlernen der Originale. Leider ist das Wetter noch sehr unbrauchbar. Aber Befinden seit 10 Tagen ganz erfreulich. Noch leichte Ermüdbarkeit, jedoch wesentlich geringer. Es ist eben alles auch psychisch, ich kann die Tätigkeit nicht vertragen, bei der man als Mittel verbraucht wird. Mit Heißhunger stürze ich mich auf meine Gedanken, über die ich Ihnen in einem nächsten Brief schreibe. Wollen Sie mir aber einen Gefallen tun, u haben Sie Kraft dazu, dann schreiben Sie mir mal auf einen Zettel sämtliche Typen von Menschen, die Ihnen vorgekommen sind, d. h. wie Sie gewisse Individualitäten (z.B. Hermann, A. Knaps, Großm. Knaps, den Onkel, mich etc. mit 1 Wort typisieren würden. natürlich roh, deshalb keine Bedenken. Ich brauche <li. Rand> es als Material u. als Prüfstein. Mein Verfahren dann später. Mein Vater läßt herzlichst <Kopf> Grüßen. Und ich bin in täglicher Liebe u. Sehnsucht
Dein Eduard.