Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. März 1914 (Charlottenburg)


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<Die Zahl ist im Briefkopf überschrieben. Es ist nicht ersichtlich, ob es sich hier um den 16. oder den 17. März handelt>
Charlottenburg, den 16. März 1914.
Liebe Freundin!
Ihre Briefe habe ich mit viel Anteilnahme gelesen. Welch bunte Welt von Menschen und Schicksalen spricht daraus! Am höchsten steht mir Else Ziehlke, schon weil Sie überhaupt in dieser Lage schreibt. Anna Weise, sehr gewandt im Schreiben, herzlich, ein wenig egalisierend. Kurt heiter, ganz egocentrisch, der Sache gegenüber gleichgiltig. Hermann pädagogisch eingehend, aber mit Empfehlung zweideutiger Philosophie. Tante Grete grob und praktisch, doch nicht unser Genre. Den Onkel habe ich zuerst für eine Tante gehalten. Lise Weishaupt voll von gütlichen Gnadengütern mitten in der Welt. Lili Scheibe ein Versammlungslokal mit 6 Jahren Reiseprogramm, vergißt aber, glaub' ich, die Gratulation. Frau Dr. Oesterreich philosophisch bis zum tz, es ist ordentlich lehrreich, sie zu lesen. Ännchen
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| immer opferbereit. Im ganzen sieht man, mit wie vielen Menschen Sie leben und wie vielen Sie etwas geben. Eine Summation von Inhalt. Wenige gehen auf Sie ein; ich hab mir das immer genau notiert [unter der Zeile] (im Kopf). Zu meinem Erstaunen auch die würdige Vorsteherin der Familie.
Aber nun mein Hauptschreck: wenn Sie nach Berlin kommen, müssen Sie unweigerlich bei Ruges aufschauern und bei Tante Grete Marmelade einmachen. Das ist aber gerade das, was wir nicht wollen. Und da Sie es mir so lieb anheimstellen, mindestens mal erst zu sagen, was <unleserlich> mir am angenehmsten wäre, so will ich auch aus meinem Herzen keine Kochkiste machen, sondern hier hinschreiben
Reichenau.
Sie sind natürlich viel zu vernünftig, um das zu billigen; ich aber zu sehr Romantiker,
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| um es nicht zu wollen. Gründe: 1) Schlechter als im vorigen April können wir das Wetter nicht treffen. 2) Wir sind ganz unter uns und kennen die Gegend, also vor Rennerei, was auch für Sie sehr wichtig ist, beschützt. 3) Verpflegung war gut.
Bleibt noch die unzulängliche Wohnung. Da meine ich nun, wir bestellen 3 Zimmer, das Eckfenster vorn für Sie, das nach hinten als mein Schlafzimmer, und das dazwischen lassen wir als Wohnzimmer mit Ofen einrichten.
Über die Zeitfrage habe ich wohl schon geschrieben: Abreise der 6. oder 7. April. Über Leipzig müßte ich aus manchen Gründen, schon um Geld zu holen (doch habe ich auch hier genug u. kann es auch brieflich jetzt bestellen.) Geht es nicht über Leipzig, wäre schon der 6. April möglich. Wenn Sie von Cassel fortkönnen, schlage ich vor, daß wir uns in Würzburg oder wo Sie sonst wieder auftauchen werden, treffen, und am selben Tage bis Stuttgart fahren. Dann [über der zeile] nächsten Tag nach Friedrichshafen,
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| Schiff Konstanz, Konstanz mit Schiff Reichenau. Dies provisorisch, was meinen Sie?
Meine Arbeit, das Bedeutenste, was ich seit Jahren betrieb, schreitet täglich bei gutem Befinden vorwärts. Heute Vorm. z. B. sind bereits die schwersten 10 Folioseiten geschrieben (im ganzen 27)Trotzdem bleibt noch Zeit für diesen Brief. Nach ½ 3 arbeite ich beinahe nie mehr. Seltsam, Frau Major, sind diese Nerven. Es scheinen mir doch sächsische Nerven zu sein. Schlechter Trost, wenn man eben wieder in Leipzig leben muß. Aber Berlin ausgezeichnet. Jede Stunde Gehen erfrischt. Appetit vortrefflich, Geheimmittel stupend. kriegen Sie auch versetzt.
Wenn Sie nun nur die Tante besser oder hoffentlich gesund finden! Das ist natürlich die Hauptsache. Ich will Sie ihr nicht rauben. Aber wenn es uns geschenkt würde, die Blüte wieder zusammen zu erleben, so wäre das herrlich (auch ohne Blüte.) Und Berlin dann im Herbst. Ostsee ist Unsinn. Wasser steht in den Kellern. Brauchen aber Wein. Sprach der Wasser, ich bin so fein, etc.
<li. Rand> Krieg’ ich nun bald die Lebensformen? Frau Riehl hat in 1 Stunde m. ganze Theorie <Kopf> antizipiert u. überboten. Wenn Ihres zu spät kommt, kann <li. Rand S. 1> ich den ganzen Kram wieder ausstreichen, den ich geschrieben habe.
<re. Rand S. 1>
Herzliche Grüße auch von m. Vater Dein Kgl. sächsischer ordentlich hoffentlicher Reichenauer.

[li. Rand S. 1] Anbei 1 Brief v. mir