Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. April 1914 (Leipzig)


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Leipzig, den 24.IV.14.  Abends.
Geliebtes!
Von Dir und von der Reichenau kommend, ist es nicht eben leicht, andre Situationen beglückend zu finden. Noch immer schaue ich rückwärts, aber doch mit dem klaren, festen Gefühl eines schönen, ungetrübten Glückes und voll von dem innerem Gewinn, der mit solchen Tagen verbunden ist. Was Sie mir waren und wie schön sie waren, das brauchen wir uns nicht zu wiederholen. Wir haben es gefühlt. Wir sind hinaus über die Zeit gefühlsmäßiger Schwankungen, und der Zusammenhang zwischen uns ist ein Stück von jenem höheren Zusammenhang, der eben religiös ist.
Aber wenn ich doch eines hervorheben soll, so habe ich es diesmal besonders dankbar empfunden, wie klug und feinfühlig Sie auf jede meiner Ideen eingingen, wie schnell
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| Sie die leiseste Andeutung auffaßten und in sich fortbildeten. Das ist nun eben auch unser gemeinsames Eigentum geworden, und es ist fast dasselbe, ob Sie es sagen oder ich es sage.
Physisch und seelisch bringe ich mehr Kräfte mit als sonst. Daß ich sie brauchen werden, dazu haben mir die 2 Tage hier schon alle Vorzeichen gegeben. Der Famulus war an der Bahn und meldete, daß bereits alle Plätze des Aud. max. vergeben wären, daß der Ansturm ungeheuer gewesen wäre. Da saß ich wieder etwas in dem Sattel, den mir der Hegelianer gelockert hatte: das kann doch nicht bloß Irrlehre u. Dilettantismus sein. Vor meiner Wohnungstür standen 2 lebendige Türken, so daß ich noch im Überzieher mit der Handtasche Sprechstunde abhielt. Eine unsägliche Post lag aufgestapelt. Ich erledigte die Liste für Propp, ließ mir den Kopf schneiden, sprach Bedeutendes mit Rühlmann und machte Abends halb im Einschlafen noch das Anfangskolleg.
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| Das Maximum war voll (heute sogar überfüllt) der Eindruck gut. Dann eilte ich nach Hause, um die Tags zuvor liegen gelassenen Revisionen zu erledigen (daneben 3 Mahnbriefe aus Halle.) Morgner nahm ich mit, er las im Nebenzimmer. Mittendrin erscheint leibhaftig der Drucker aus Halle. Um 1 bringt ihm Morgner 3 Bogen an die Bahn, und um 4 fährt er mit dem Rest von 2 Bogen nach Halle, von wo er mir dann eine kreuzvergnügte Karte (alles auf m. Kosten) schrieb. He Am Nachmittag die 1. Sprechstunde. Mein neuer Famulus ausgezeichnet: energisch, praktisch, kurz. Kein Schwätzer. Er gab Karten aus. Bei Nr. 38 fragte er, ob ich noch könnte. Heißhungrig wär' ich, sagte ich. So kam ich auf 80 Leute! Danach gingen Famulus, Famulus a. D. und ich einige Schoppen trinken. Abends machte ich Rousseaus Leben im Gedenken an die Reichenauer. Wirkung heut sehr stark (wie immer, wenn man erzählt). Nach dem heutigen Kolleg habe
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| ich mit 18 Postnummern meine dringendsten Briefschulden erledigt, Friedmann besucht, der einen Cedille am C hatte operieren lassen; dann Kollegen statt zu essen empfangen, der über den Vorwurf unglücklich war, er habe Clement zu Tode geärgert. In der heutigen Sprechstunde 38 Menschen. Als Curiosum: Frl. Lürssen ist in den Kreis der 15 auserlesenen Philosophen eingetreten.
Und nun müßte eigentlich eine ganze Dankliste kommen, beginnend mit dem Glas, das ich leer im Koffer fand, dann [über der Zeile] für die 2 Packete, von denen das eine ein „barockes“ Angebinde enthielt und für die lieben Zeilen. Ich mache es in einem ab, weil der Dank für die Liebe dieser Tage doch nicht in einen Brief ginge. Aussprachen scheinen Ihnen mit A K. so wenig erspart zu sein als mir mit S. R. Wenn sie häufig werden, sind sie mir Revolutionszunder im Land. - Vorhin habe ich 2 Stunden nach dem Völkerschlachtdenkmal für Welte gesucht; noch ohne Erfolg. Morgen Anfang der Examina - u. überhaupt, mir graut. Dir aber sende ich Grüße in dem Sinne des klaren blauen Seees, unseres Freundes, glücklich der Lebensform, die uns vereint.
<li. Rand>
Dein Eduard.

[Kopf] Den Stempel habe ich nicht gefunden. Wo ist er?