Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9./10. Mai 1914 (Leipzig)


[1]
|
<Stempel: PROFESSOR SPRANGER
LEIPZIG, GRASSI-STR. 14.>

ich selbst
9. Mai 1914.
Liebes Kind!
Aus Ihrem letzten Brief habe ich zunächst den Eindruck, daß Sie jetzt zu sehr angestrengt sind. Ich habe gegen eine mehrstündige Tätigkeit am Tage garnichts; aber die Zeit von 2–4 ist doch besonders ungünstig. Wenn Sie merken, daß Sie sich nicht allmählich daran gewöhnen, so bitte ich Sie, es doch lieber zeitweise zu unterbrechen. Um diese Stunde arbeitet kein Akademiker. Was Sie über Köhlers Kritik sagen, ist wieder sehr fein. Sie machen entschieden Fortschritte, ich muß Sie loben. Unmöglich kann ich nun dem Köhler darauf wieder so einen langen Brief schreiben. Es scheint überhaupt, als ob jeder die "Lebensformen" höchst persönlich nähme. Heute bekam ich ein ebenso umfangreiches Bekenntnis von
[2]
| Bergmann, ebenfalls höchst interessant. Ich will diese Äußerungen sammeln. Trotz der vielen Beilagen ist dies noch nicht dabei, weil ich doch irgendwie darauf antworten muß. Es wird Sie aber interessieren; die Leute halten mich für die geborene Harmonie. Schwert durch meine Seele!
Wenn Köhler sagt, daß aus meiner Methode nichts folge, so ist das sicher falsch. Vielmehr ist sie nur ein roher Anfang. Aber andre gehen denselben Weg. Zufällig habe ich eine Arbeit über Nietzsche hier, die ganz meinen Typus VI in ihm findet.
Aber nun muß ich Ihnen einen Schmerz bereiten! Wenn das die Glanznummer der Photografien ist, dann bedaure ich die ganze photographische Technik. Da ist der Herr Welte und Brigitte jedenfalls 1000mal schöner. Das sieht ja aus, wie drei verregnete Feiertage. Aber natürlich enthusiasmiert Sie die Spiegelung im Wasser so sehr; das ist jedoch für den unbefangenen Betrachter nichts
[3]
| als ein Nebelstreif, die wirkliche Reichenau ist doch ganz anders! So, es freut mich, Ihnen meine Meinung gesagt zu haben.
Wenn die Bugra nichts von Ihnen zu sehen bekommt, was mir leid tut, so hoffe ich doch, daß sie Sie zu sehen bekommt. Wann, das müssen wir noch überlegen.
Ihr Schmerz mit dem Cactus mag ja seinen Stachel haben. Aber mir geht ein Schmerz durch meine Seele. Dieses entsetzliche I kalfaktert auf allen Kongressen herum und bringt mich in den Verdacht (selbsttätig!), daß ich mit ihr was zu tun hätte. Ausgerechnet der Dittrich sprach mich auf den Zusammenhang hin an. Aber andere, denen man noch nach 3 Wochen das bleiche Entsetzen ansah und anhörte, mögen dasselbe glauben, und das ist mir wirklich ein schauderhafter Gedanke. "Da kenn' ich all eh' noch das Fräule/in Branca".
In der alten Mythologie sind übrigens auch
[4]
| Sie nicht bewandert. Sonst würden Sie wissen, daß der alte Kalchas bei Offenbach klagt, daß nur noch Blumen*) [li. Rand] *) Eine Zeitlang war ich wirklich wie in einem Blumengarten. Aber Frau P.s Rhododendron hat Läuse. geopfert würden (bis auf ein minderwertiges polnisches Achtgroschenstück.) In derselben Dichtung sagt ein andrer:
Ich bin Laus der Gute, Laus der Gute,
Mann der schönen Helena,
Mir wird ganz grausig zu Mute, grausig zu Mute
etc. etc. (er meint wohl das <unleserlicher Buchstabe>.)
Doch sei davon noch nichts gesagt,
denn das kommt erst im letzten Akt.
Von Riehls und von Weltes berichten Ihnen die beiliegenden Briefe, zu denen ich weiter keinen Kommentar zu geben brauche. Also nur noch einiges von der täglichen Existenz.
Ich habe manches gelesen, was mich beschäftigt: Lou Andreas-Salomé, Im Zwischenland, ist psychologisch für mich von unendlichem Reiz gewesen und auch wohl objektiv etwas sehr Wertvolles. Sie werden es später bekommen. Eben denke ich über Wynekens Tendenzen
[5]
| nach. Das ist eine von den Sachen, bei denen alles Studium und alle gelehrte Pädagogik nichts nützt. Ich schwanke zwischen Sympathie und ablehnendem Instinkt. Ihr Urteil würde mir da viel Wert sein. Denn ich habe bisweilen das Gefühl, als ob ein Stich ins Reaktionäre bei mir zu früh sehr stark würde.
Die Kollegs gehen ihren Gang: In der Pädagaogik ist das Maximum noch immer überfüllt, d. h. 510 real anwesende Hörer. Die "Politik" ist schwächer besucht als in Berlin. Die großen Übungen haben 120 (Blödsinn!), die andern 19 Teilnehmer. Beide kommen, wie es scheint, ganz gut in Fluß. Trotzdem merke ich wieder den täglichen Niedergang der Lebenslust. Ich war sichtlich gesund, als ich kam. Alle haben es mir gesagt. Und doch habe ich in Berlin recht stramm, auf der Reichenau doch immer einige Stunden gearbeitet. Hier nehme ich die Sache leichter als je. Der Mai ist nämlich relativ bequem. Ob es nun die Luft ist oder
[6]
| die Art der Tätigkeit – ich fühle mich jeden Tag nervöser, obwohl ich wirklich einen ganzen mitgebrachten Himmel in der Seele trage. Ich schlafe sehr viel und könnte immer noch mehr schlafen. Von Anstrengung ist positiv noch nicht die Rede. Heut vor 8 Tagen war ich mit Friedmann in dem wirklich ganz entzückenden Grimme, eben komme ich aus Eilenburg zurück (wo man nicht gerade gewesen sein muß.) Schrecklich ist und bleibt die Zersplitterung, die Klingelei, der Kleinkram, die Korrespondenz, das Klima ist auch bisher passabel. – Aber im Juni wird es schlimm: vom 9. bis 30. VI 21 schriftl. Arbeiten, d. h. jeden Tag eine. Wollte ich sie lesen, brauchte ich durchschnittlich 2 Stunden. Ich muß die Pfingstferien diesem Moloch opfern. Das große Kolleg macht gottlob fast keine Arbeit.
Auf das Schicksal der Lebensformen bin ich wirklich gespannt. Mir kommen
[7]
| sie jetzt vor wir eine Sammlung von Banalitäten. Das Pädagogische ist auch gedruckt. Ich habe aber noch keine Exemplare. Überhaupt teuer: die Lebensformen bezahle ich mit 20 M.
Wundt freundlich und frisch wie immer. Neulich lernte ich Frau Claparède (Genf) kennen, auch eine entfernte Freundin Ihres Freundes Rolf. Ich klapperte mit ihr per Auto herum. Die verfl. – Bugra bringt überhaupt einen Strom von Menschen alle Tage. Es ist fast wie beim Arzt. Die Sprechstunden das reine Mosaik.
Für heute gute Nacht. Morgen füge ich noch ein paar Zeilen hinzu.

[8]
|
10.V.14.
Für die heutige liebe Sendung kann ich nur kurz herzlich danken, besonders auch für die schönen Bilder (Onkel Ernst) und nochmals bitten: Alles mit Maßen, auch die Arbeit! Nehmen Sie sich ein Beispiel an mir: ich habe den Vormittag mit Buchenau in der Ausstellung (ein wirres, außerdem noch unfertiges Durcheinander) verbummelt, bin Abends eingeladen und außerdem im Zeitgedränge mit allerhand Sachen. Die Antwort kommt also erst später. Die arme Lietze tut auch mir entsetzlich leid. Diese beneidenswerte Fassung! Was würde B. erst zu dieser realen Duldergröße sagen.
Innigst in stetem Gedenken
Dein
Eduard.
(Ehrenmitglied des philosophischen Vereins Leipzig.