Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. Mai 1914 (Leipzig)


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<Stempel: PROFESSOR SPRANGER
LEIPZIG, GRASSI-STR. 14.>

25.5.14.
Liebe Freundin!
Eigentlich soll man den Montag nicht mit Privatsachen beginnen. Da aber heute Königsgeburtstag ist und ich nicht zur Feier gehe, (weil der Ordensregen genau 1 Station vor mir aufgehört hat) und da ich sehr stark das Bedürfnis habe, mancherlei Eindrücke auszupacken, so sei hiermit blau gemacht.
Zunächst möchte ich auch in Gedanken noch bei dem Schreibtisch verweilen, an dem ich sitze. Das Liebste an ihm ist mir, daß er von Ihnen stammt. Er hat aber auch sonst viele Vorzüge: seine einfache, klare und zweckmäßige Gliederung, die angenehme Farbe und Ia Qualität des Materials. Er erweist sich in allem sehr praktisch, vor allem durch seine
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| Größe und seine zahlreichen Fächer, die bis jetzt nur z. T. belegt sind, da ich den alten ins Bücherzimmer gestellt habe, und da die Benutzung sich sozusagen organisch nach der Art der Bedürfnisse entwickeln soll. Die ganze Stube sieht jetzt anständiger aus. Auch eine kleine Kritik ästhetischer Art soll nicht fehlen: der Aufsatz springt m. E. 3–4 cm zu weit vor. Und ein Scherz: ein Kasten ging absolut nicht auf. Da machte ich aus einer Drahtklammer, die auf dem Schreibtisch lag, einen Haken, u. siehe da, ich war bei mir selbst erfolgreich eingebrochen. Dem verdienten Meister bitte ich meine dankbare Anerkennung auszusprechen. Ihnen aber kann ich nicht genug danken. –
Eigentlich waren jetzt 3 freie Tage. Ich bin erst arbeitsfähig und teile mir alles vortrefflich ein, so daß ich jede Woche auch etwas Natur kneipe. Auf die Zusammen
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|kunft in Wittenberg hatte ich mich recht gefreut. Sie wissen, wie stark und tief mich diese seltenen pädagogischen Inseln meines Daseins immer angeregt und produktiv gestimmt haben. Diesmal aber komme ich eigentlich mit einer dicken Enttäuschung zurück.
Im Äußeren hat alles geklappt: das Wetter war bis auf 5 Min. Regen zum Schluß sehr schön; wir trafen uns um 10 am Bhf. (Thümmel, Tuchel, Borries, Baumgärtner, Lüpke) dann der Reihe nach: Lutherhaus, Melanchtonhaus, Markt, Schloßkirche mit Turm!, Diner [über der Zeile] im Freien mit Wein, Stadtkirche, Kaffee in luftigem Garten, über die Elbe [über der Zeile] Brücke auf Wiesenweg in Eichwald (Propstei), Kahnfahrt zurück. Am Bhf. Schluß. Also es hat an Anregungen eigentlich nicht gefehlt, und doch bin ich sozusagen über das geistige und gemütliche Ergebnis dieses gut geplanten Tages tief enttäuscht. Z. T. lag es wohl daran,
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| daß Fr. Thümmel in Unruhe um ihre Schwester war, die trotz schlechten Befindens eine Fahrt angetreten hatte. Daduch fing die Sache mit ernsten Gesichtern, Telephonieren u. (erfolglosem) Telegraphieren an, man spielte, ehe man gestimmt hatte.
Aber ich weiß nicht, ob Sie mir das so nachfühlen können und ob Sie mir Recht geben: ich komme doch nun seit Jahren den Mädchen mit der reinsten, naivsten Freundschaft entgegen. Sie müßten in ihrem Alter (18–20) doch ihre Interessen, Probleme, Fragen haben, und sie müssen eigentlich fühlen, daß sie das Gespräch einmal auf dies Gebiet von selbst – ungefragt – hinüberspielen sollen, da doch wohl nicht der Wunsch nach Amüsement mich allein zu ihnen führt. Stattdessen ist z. B. Elisabeth Lüpke der reine Muffel, stiert geschlossenen Mundes vor sich hin. Noch nicht gedankt hat sie mir für den 4 Seitenbrief aus Reichenau und die Frage, wie es mir
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| ginge, habe ich übhpt noch von keiner gehört. Frl. Tuchel war offenbar abgespannt bis zur Krankheit, hat auch den ganzen Tag kein persönliches Wort geredet, was sie sonst konnte; hier hatte ich fast den Eindruck einer Entfremdung aus mir verborgenen Gründen. Am besten kam ich noch mit Anna Baumgärtner ins Gespräch, die eine lebenspraktische, ganz offene und heitere Natur ist. Und Elisabeth Borries – von ihr kann ich nur in Scholz's eigentümlichen Tonfall sagen: "sie macht wenigstens eine angenehme Figur", sogar eine sehr angenehme, Anmut und Würde, mit Schiller zu reden. Mit Frl. Thümmel war offengestanden garnichts los. Kurz, die Unterhaltung war langweilig, die Befragung um Wünsche in Essen u. Trinken wie eine erschwerte Zeugenvernehmung.
Nur ein Moment ist mir in tiefer Erinnerung geblieben: Wir gingen an das Elbufer
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| hinunter durch hohe Wiesen zum Kahn. In unseren Rücken war alles drohend-schwarz bezogen. Die hellgrünen Wiesen wurden blau, das Wasser stahlblau. Ich sah mich um und sah auf diesen düsteren Hintergrund die schlanken weißen Gestalten wie von Licht umflossen. Das war sehr schön, aber mehr für Maler als für Philosophen.
Seit langem zerbreche ich mir den Kopf, wie diese Zusammenkünfte, auf die ich nur sehr schwer verzichten würde, reformiert werden können. Meine Bildung ist doch schließlich vom Volkstümlichen nicht so fern. Aber es gibt eine ehrlose Art zuzuhören, die mir fast den Mund zuschließt. Können Sie mir nicht raten, wie man das ändern könnte, wie man da ein höheres geistiges Niveau ohne Zwang hineinbringt? Wenn das die besten waren – behüte Gott mich vor den andern Scharen.
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| Endlich noch ein paar Worte über meine unbestimmten Pfingstpläne: Beinahe wäre es zu einer Begegnung zwischen uns gekommen. Denn
Plan I war, nach Mainberg zu gehen, wo Joh. Müller Wandervogelführer um sich versammelt, die ich einmal studieren wollte. Aber der Zwang, 1 Woche zu bleiben, die Entfernung v. Berlin u. nicht zuletzt die Nachricht von der feuchten Schwüle Mainbergs haben mich davon abgebracht. Also auch von Würzburg oder Miltenberg leider, wo wir uns treffen wollten. Ich kam also zurück auf Plan
II.   KielHamburg. Freilich wird es schwer sein, Logis in Kiel zu finden. Muthesius riet mir ab wegen der stacheligen Behandlung, die man bei solchen Tagen fände, und empfahl MainbergWeimar. Gleichzeitig aber kam eine Mittagseinladung von Lenz zu Pfingsten. Es bleibt nun wohl (Änderungen vorbehalten)
III  Hamburg allein, vom 2.–4. Feier
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|tag. Dann Berlin.
Wird die Tante zu Pfingsten kommen. Wie geht es ihr? Ich würde an ihrer Stelle nicht auf die Reise nach Heidelberg dringen, wenn sie sich nicht selbst frisch dazu fühlt. Die Erfahrung lehrt doch, daß die Tante zu den Naturen gehört, die eigentlich nicht mehr reisen sollten. Zu Hause hat sie doch die beste [über der Zeile] individuellste Form der Pflege. Aber hoffentlich geht es ihr so viel besser, daß sie doch das Programm ohne Schaden durchführen kann.
An Ursula, Regina, Brigitta Koch habe ich je 1 Karte geschrieben. Sie haben ja wohl auch die Ansicht bekommen. Wo bleiben die andern Reichenaubilder? (Der Zufriedene hat nie genug.)
Friedmann hat inzwischen Schweres durchgemacht, den größten Teil s. Vermögens durch Schuld s. Vaters verloren etc. etc. Darüber einmal mündlich.
Sammeln Sie rechtzeitig Sommerpläne zur Auswahl.
Sie sehen, daß der Schreibtisch auf den Umfang m. Briefe günstig wirkt.x)
Nun ist aber Schluß mit einem innigen Gruß! Dein Ed.

[Kopf] x) Ein Punkt fehlt freilich noch ganz: meine Wohnungsfrage. Frl. Stolpe ist eigentlich krank u. sehr herunter. Die Damen haben versucht, die Wohnung im ganzen zu vermieten., ohne Erfolg. Es liegt jetzt so, daß ich aus Rück<re. Rand>sichten sowohl bleiben wie ausziehen müßte. Küche* <li. Rand unten> *wird natürlich nicht besser.
[li. Rand oben] Bitte auch die Damen Knaps zu grüßen!