Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Juni 1914


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13.6.14.
1/2 12 nachts
Mein Liebling!
Eben komme ich von einem angeregten Abend bei Wundt nach Hause. Vor mich auf den Tisch habe ich Ihr Bild gestellt, das heute - nach zweijährigem Besitz - eingerahmt worden ist, weil es an seinem stillen Platz in Wahrheit so wenig still lag, daß es nun geschützt werden mußte. Und ich habe es so bequemer. Und da Sie nun so vor mir stehen, wäre es unnatürlich, wenn ich nicht mit Ihnen spräche.
Aber bedarf es dieses Bildes eigentlich? Geht nicht Ihr Bild nach unserm Zusammensein stärker als je duch meine Seele? Wir hatten eigentlich so wenig Ruhe. Aber Dein Zauber, mein Geliebtes, wirkt auch in Minuten und Sekunden, und er war diesmal besonders stark, wie immer, wenn Du Dich gesund fühlst. Das strahlt nun
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| über meine Tage, und gibt mir die Kraft, auf Hunderte zu wirken. Es wäre seltsam, wenn Du wüßtest, wie das möglich ist, ich meine diesn Zusammenhang zwischen Dir und meinem inneren Produzieren. Natürlich ist es die Größe Deiner Liebe. Aber nicht nur dies; sondern vor allem die Größe Deiner Seele, in der so etwas Sieghaftes liegt, so viel Echtes und Tiefes und Reines, daß ich immer wieder in Anbetung vor Dir liege und sagen muß: ich bin doch Dein Werk.
Ich spreche das selten aus; teils weil es zu heilig ist, teils weil ich in den Wirkungen dieses Geheimnisses lebe, und nicht über es selbst nachgrübele. Wer mich kennt, weiß überhaupt, wie wenig von meinem inneren Leben zum Ausdruck gelangt. Ich scheue mich davor. Deshalb rede ich oft leichtfertig über Dinge, die mich zermalmten, wenn ich sie so aussprechen sollte, wie sie mich ergreifen.
Darin liegt nun auch die Schranke meines Ver
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| hältnisses zu*. Es ist fast, oder es wird fast, wie Ihr Verhältnis zu**. Ich ertrage diese stete Hochspannung nicht. Man muß Hand in Hand gehen können, ohne sich beständig vor einander zu analysieren. Je mehr ich über den letzten Abend dort nachdenke, desto rätselhafter wird mir, was diesen neuen Mißklang gebracht hat. Fast möchte ich fragen: war es eine Art von Eifersucht? Ihre Wirkung auf sie war sehr tief. Aber so garnichts von Ausdruck, der dem angemessen gewesen wäre, [über der Zeile] (d. h. der sonstigen inneren Teilnahme für mich.). Sie fühlt wohl, daß in diese unsre Welt kein unmittelbarer Einlaß ist, und das nehmen eben alle Naturen schwer, die gewöhnt sind, alle Türen offen zu finden. Ich schreibe dies ungern. Denn ist es meine Schuld, daß wir uns so sichtlich auseinanderleben? Ich gehe nie ohne Präparation hin, das ist nicht Natur. Und nun dieses Unglück, zu glauben, man sei so ganz Natur, und doch empfinden zu müssen, daß man anderen (d. h. solchen, die man schätzt) nun keineswegs selbstverständlich ist! Das ist doch sehr schwer. Und
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| um so tiefer empfinde ich, daß ich Dich zu verstehen, nie eines Anlaufs bedurft habe. Wir sind eben in einem ganz anderen Sinne durch tiefste Lebensgemeinschaft verbunden, und Pfingsten war mir die neue Ausgießung dieses heiligen Geistes über mein Leben, obwohl ich beim Abschied nach Ostern geglaubt hatte, dies neue Leben frühlingshafter Auferstehung sei gar nicht mehr zu überbieten.
Verzeih, daß ich von Tante Fanny und sonst nichts schreibe. Ich fühle das wohl und traure mit. Aber wenn ich Dich habe, so ist fast die andere Welt um mich versunken. Ich bin dann mit Dir auf einem Gipfel allein.
Die Tante grüße ich herzlich. An die Gesundheit bitte ich täglich zu denken!
Man hat mir Gassensaß empfohlen. Wir wollen uns darüber erkundigen. Und wenn wir uns für eines von den dreien entscheiden, möchte ich vielleicht doch mit Hilfe eines Verkehrsbureaus am betreffenden Orte vielleicht vorausbestellen.
In treuer Liebe
Dein Eduard.