Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Juni 1914 (Leipzig)


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Leipzig, den 17. Juni 1914.
Tante Theresia, tu tibi tanta tyranna tulisti!
oder zu deutsch: man hört nichts mehr von Heidelberg! Aber ich bin herzlich froh, wenn ich das als ein gutes Zeichen deuten darf, und wenn neben den vielen Pflichten Stunden harmonischer Ruhe, also auch sorgenfreie Stunden, Ihnen während der Anwesenheit der Tante beschieden sind.
In solchen Zeiten sich hübsch still zu verhalten, wäre höflich. Trotzdem muß ich hier über einigermaßen agitierende Gedanken berichten. Denn die Sache ist nun perfekt: Troeltsch ist an erster Stelle, ich an zweiter vorgeschlagen, und der kleine Scholz ist wenigstens ehrenvoll erwähnt worden. Die 3 Fragen, die mich zunächst beschäftigen müssen,
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| lassen mich relativ kühl:
– eben kommt Ihre Karte, na ja! –
1) Wird die Regierung Troeltsch fragen 2) wird er in diesem Fall kommen? 3) Wenn dies beides nicht, wird die Regierung bei dieser Professur auf mich reflektieren oder die Vorschläge zurückgeben?
Liegt die Sache anders, d. h. dringen diejenigen beim Minister durch, die mich überhaupt, wie auch immer, für Preußen zurückhaben wollen, so beginnt ein fürchterlicher Kampf um meine Seele. Und die Sache liegt dann so, daß Sachsen mir alles bieten kann bis auf 2 Wünsche: Beseitigung des Leipziger Klimas und Abschaffung des sächsischen Dialektes, Preußen aber kaum viel mehr bieten kann als eben Berlin, Preußen, und mehr freie Zeit. Hier die richtige Wahl zu treffen, dürfte sehr entscheidend für mein Leben sein. Und ich denke darüber z. Z. etwas unklar.
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Ich habe Ihnen diese Zukunftsmusik vorgespielt, damit Sie im Zusammenhang sind. Sie werden ja auch in Heidelberg darüber hören. Aber alles streng unter uns!
Im übrigen hier Gewitterschwüle, viel Arbeit, viel Todesfälle und sonst allerhand. Möglicherweise kommt Frau Salomé hierher. Am Sonnabend Professorien, Sonntag Kösen, Montag die ½ verstorbene Paeonia, am 27. vorm. 3 Stunden Staatsexamen. Aus Berlin frische Eier, Brief v. Frl. Stolpe. Esse jetzt wieder zu Haus und lerne Stoizismus. Meine Arbeit teilt sich zwischen Pestalozzi, F. d. Gr. und Bismarck, das ist doch das Schöne unsrer Fächer, im Gegensatz zur Seelenschlosserei, daß man immer in edler Gesellschaft ist.
Heute Abend – das ist zwar ein ironischer Übergang – noch eine Privatkonferenz Fakultätssitzung über dieselbe Professur, die in Berlin frei geworden ist. Man ahnt hier noch nicht, daß sich möglicherweise eine unlösbare Verwicklung anbahnt.
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| Denn das darf ich nach Goethes Ansicht sagen, daß ich als Pädagog hier völlig unersetzbar bin.
Leben Sie herzlich wohl und grüßen Sie die Tante von mir tausendmal!
Dein
Eduard.

[] Nächste Woche werde ich leider den Kandidaten Hadlich durchfallen lassen müssen.