Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. Juni 1914


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25.6.14. spät.
Geliebtes!
Ich habe heut 10 Stunden Dienst hinter mir, eigentlich von 8-10 mit 2 Stunden Pause, und werde daher nur ganz pragmatisch berichten können. Die Tage zuvor bin ich freilich mannigfach umhergezogen. Also:
Riehls wollten vorige Woche kommen. Frau Riehl erhielt aber die Erlaubnis zur Reise von Ihrem Arzt nicht. Am Sonnabend war Professoriumsausflug nach Grimma: ich hatte mir einen japanischen Professor eingeladen und schloß mich an die Familie Günther an. Große Hutkrempenstrapaze. Aber schönes Wetter, Spaziergang und Cercle für sämtliche Hörerinnen, später Souper, nächtliche Kahnfahrt auf der Muldemit schwierigem Aufwärtsrudern, und Fackelpolonaise durch die Stadt mit Militärmusik zum Bahnhof.
Am Sonntag fiel Kösen fort. (Auf den 19. Juli verlegt.) Stattdessen kam Frau Lou Andreas-Salomé. Ich war am Sonntag und Montag je 2 Stunden mit ihr im Hôtel
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| Hentschel
mit ihr zusammen, und am Dienstag in der Ausstellung. Eine höchst merkwürdige Natur und eine merkwürdige Begegnung, die sich brieflich garnicht schildern läßt. Jedenfalls wurde die Aussprache immer produktiver, und ich halte es für möglich, daß sich etwas ganz Neues, Eigenartiges daraus entwickelt, da sie die Motive meines früheren Planes mit einer Variation sehr intensiv aufgenommen hat. Sie hat - besonders äußerlich -nichts unmittelbar Anziehendes, stimmt aber in einer gewissen Richtung des Denkens und Lebens sehr stark mit mir zusammen. Näheres einmal mündlich. [] (Stark Russin, eminente Inzelligenz ohne Vorbildung!)
So befinde ich mich wieder einmal in der Lage, eine ganze Fülle von neuen Ideen und Plänen zu gleicher Zeit nebeneinander zu entwickeln. Es wächst immer alles unmittelbar aus dem Dasein heraus. Diesmal sind es eigentlich Sachen von unerhörter Neuheit, daher auch Wagnisse, die die Sphäre meines bisherigen sozusagen traditionellen Tuns, wenn Sie reifen, duchbrechen werden. Aber auch darüber kann ich nicht schreiben, weil
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| derartiges halb zu sagen ein Kindermord wäre.
Dazu kommt das Politische: 1) eine höchst prekäre Situation, in die mich die Wut über die Lehrerpolitik gebracht hat, die ich aber um der Wahrheit willen bis in die letzte Konsequenz verfolgen will. Ein Artikel in der Hamburger "Pädagaogischen Reform" wird Sie darüber orientieren. 2) "die gefährdete Lage der philos. Fakultät", im Anschluß an die Trennungsgelüste der Naturwissenschaftler.
Frau Riehl hat mir 2 sehr liebe, ungetrübte, inhaltsreiche Briefe geschrieben, einen über Strohal † und einen über die "Lebensformen". Meine Pläne sind die: 27. Vorm: 3 Staatsexamina. Um 1 Uhr im Ratskeller mit Friedmann u. Willmann. Um 3 Uhr Abfahrt nach Berlin. Abends dort. Am 28. 12-6 Uhr Neubabelsberg. Rückfahrt 29.VI früh. Am 4.VII. Philos. Abend in Neubabelsberg.
In der Paeonia bei Lamprecht am Montag war auch Trendelenburg. Ein braver Mann, aber nicht mein Typus, fehlt ihm die Feinheit.
In der heutigen Kuratoriumssitzung der Frauenhochschule habe ich leider gegen die Einrichtung solcher medizinischen Kurse sprechen müssen, wie
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| Sie sie jetzt bei Ewald u. Hoffmann suchen. Derartiges ist nötig, aber eben keine Hochschule. Übrigens zu Ihrem Trost: ich stand mit meiner Stimme ganz allein.
Gestern beim Kollegen Wirth dreimal an langer Weile gestorben. Kand. Hadlich durchgelassen, aber in Probelektion völlig abgefallen. Geburtstagsgratulationen (auch ein schreckliches Bild v. Hermann mit - nach seiner Art - ephemersten Notizen gleichgiltig - unpersönlicher Natur) und Blumen schon jetzt in ziemlicher Anzahl.
In der Pädagogik noch immer genau 500!! Gestern über Friedrich den Großen d. kleine Auditorium (200) zu atemloser Spannung gebracht. Es war schon früher ein Glanzkolleg.
Über Berlin nichts Neues. Sonst schrecklich viel schlechte Arbeiten u. viel Sehnsucht, dies und jenes zu treiben!
Und Sie? Oder, um mit meinem König zu reden: "Nu, Ihr <Wort unleserlich>?" Ich habe den schwachen Verdacht, daß Sie sich zu wenig Ruhe gönnen! Verwerflich. Mißbilligung. Im übrigen wissen Sie, daß ich, wenn Sie diese Zeilen erhalten, Ihrer doppelt lebhaft gedenke. Ach, warum können wir nicht zusammen sein? - Mit herzlichen Grüßen auch an die täck'sche Tante
<li. Rand>
Dein 32er.

[Kopf] 12 weiße Rosen vom verflossenen Famulus!!