Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Juni 1914 (Leipzig)


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Leipzig, den 29. Juni 1914.
Geliebtes!
Giftig und geschwollen bin ich von lauter Opposition. Die Sache beginnt schon mit Wimpfen - nicht am Berg, sondern am Y. Sodann mit den Reichenaubildern: als wenn das mit Dir Erlebte nicht das Schöne dann wäre, sondern das bißchen - Graphik; mir wird ganz scheibenartig zu Mute. Und endlich über die respektlose Äußerung: "Ihr Urteil beruht wohl auf Unkenntnis des zu Lernenden." Das ist einem Ordinarius gegenüber eine ganz kükenhafte Naseweisheit, um nicht mehr zu sagen. Wer nicht einmal weiß, was und wozu eine Frauenhochschule ist, der kann natürlich auch nicht ahnen, daß ich für den Bakterienkultus eben 4 Semester fordere statt 2, und dies, obwohl ich Dich liebe und Du die Sache in 2 Semestern abmachst. Und als Nachtrag: die Frau
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|Riehl
mißbilligte bei aller Dankbarkeit so etwas von Schätzung der Intellektualität. Auch durch meinen Brief geht so etwas. Das beleidigt mich und setzt mich herab. Denn wenn Du nicht klüger und tiefer wärst als alle, an denen Du Dich mißst, dann ginge es mir ja, als hätte ich einen Götzen erwählt statt eines Gottes und als könnte man bessere Götter haben neben Dir. Zum Schluß als Anhang: dieses überlegene Pädagogische - vom Kennen und vom denkenden Erleben - wie paßt das wohl zu der vorangehenden Bescheidenheit? Da ist also doch wohl etwas von der mildenden Duldung des Darüberhinausschauenden, und ich bin das arme Kind, dem man alles zu Willen tut, damit es nicht weint?
Ich weine nicht nur, ich schreie, und gleich werde ich anfangen zu strampeln.
Ad vocem strampeln: Gassensaß scheidet aus, da die Familie Strümpell hydraköpfig dorthin geht.
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| Ich habe heut garkeine Lust zum Erzählen, und die ganze Woche keine Zeit. Am Sonnabend war's sehr nett, mein Vater sehr lustig, Onkel Ernst u. Frl. R, Ludwig u. Frau, Klara Runge. In einer kleinen Tischrede gab ich die Berliner Aussichten vertraulich bekannt. Am Sonntag früh Registrator. Von 1-6 bei Riehls, allein, in ungetrübter Heiterkeit. Meine Berliner Chancen scheinen nach R.s höchst positiv, da die Fakultät T.s Wünsche energisch limitiert hat und mich will. Von einer Möglichkeit war übrigens garnicht die Rede, nämlich daß ich aus objektiven Gründen ablehnen könnte. Nun, wir müssen warten.
Ich bin übrigens z. Z. garnicht ehrgeizig. Ich fühle ganz das Glück, in diesem Semester auch einmal anders denken zu dürfen als Kgl. sächsisch privelegierte Amtgedanken. Und die schönste Folgeerscheinung: ich fange wieder an die Menschen als Individuen zu lieben. Das Leben hat wieder seinen Reiz; was aber gibt es Höheres? Der Geburtstag
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| brachte mir tausend Echos, ein Meer von Rosen hier und dort. Briefe, die Sie lesen werden.
Unsre liebe Frau Rohn! Ich hatte Ihnen garnicht geschrieben, daß ich sie bald nach Pfingsten traf u. daß sie eine Operation (durch Payr) überstehen mußte. Seit Sonnabend ist sie wieder zu Hause. Sie rief mich gleich heute zu sich. Ich war einen Augenblick da. Und hatte eine merkwürdige Freude: als ich von der Berliner Sache sprach, malte sich auf ihrem Gesicht ein solcher Schreck, als sollte ich nach Sibirien. Nachher kam sie ganz in das Teilnehmende. Aber schließlich war mir das erste echter und lieber.
Frau Riehl sähe es wohl am liebsten, wenn wir auch nach Engelberg kämen. Ich will mich demnächst theoretisch der Sache widmen. Jetzt habe ich schrecklich zu tun und kann nur mit einem Wort sagen, daß mein Herz in Heidelberg und bei den gemeinsamen*) [li. Rand] *) mit der lieben u. garnicht tyrannischen Tante, die Sie hoffentlich recht in Schach hält. Unternehmungen ist. Ach Du mein Teures, wenn diese gesegnete Arbeit nicht wäre, dann wäre mein Leben nur Sehnsucht nach Dir, und wie man sich vom Anblick der Sterne nicht losreißen kann, so ist meine Seele in Deiner.
Dein Eduard.