Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Juli 1914 (Leipzig)


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Leipzig, den 8. Juli 1914.
Liebe Freundin!
Es ist schwer nicht zu seufzen: solche Überhäufung mit eiligen und dringenden, meist nicht wissenschaftlichen Geschäften war lange nicht da. Es muß auch vorläufig so bleiben, weil der Berg täglich noch anwächst, und daß am Sonnabend das Gros der Staatsexamina aufhört (mit Nr 62) bedeutet nur, daß die Doktorprüfungen jeder Art anfangen und daß das Liegengebliebene endlich einmal erledigt werden muß. Dazu schwere Gewitterspannungen, die ich zwar dies Jahr leichter überstehe, aber doch sehr empfinde.
Deshalb möchte ich heut nur auf einen geschäftlichen Punkt kommen. Berlin ist klanglos vorbei. Und vielleicht haben Sie mit Ihrer spezifischen Auffassung Recht. Aber damit wird nun Heidelberg akut. Denn T. hat das 2. unbesetzte Ordinariat sozusagen mitverwaltet. Es muß also festgestellt werden, was die Regierung nunmehr
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| tut. Natürlich liegt hierfür die Hauptentscheidung bei Windelband. Vielleicht können Sie die Konstellation bei Wille erfahren. Meine Vermutung ist, daß W. zunächst irgendeine seiner Kreaturen als Ao hineinsetzen wird, wenn die Fakultät nicht Widerspruch erhebt. Die Stimmung der Fak. müßte man also erforschen. Möglicherweise übt T. noch im Fortgehen einen entscheidenden Einfluß, wie ja die ganze Berliner Frage durch Harnack der phil. Fakultät einfach zudiktiert ist. Es wäre mir lieb, wenn Sie die Lage der Dinge ohne Mühe und ohne Indiskretion auskundschaften könnten.
Sonst kann ich heute nicht viel schreiben. In Berlin war es heiß und etwas strapaziös. Ich war am Sonntag mit Frl. Thümmel zusammen. Weitres mündlich. Frau Andreas-Salomé schickte mir ein Ms von 12 Oktavseiten über Kind und Kunst von so konzentriertem Geist, wie ich es selten gelesen. Erscheint im Literar. Echo. Ich habe meine fast identische Auffassung in einem ebenso konzentrierten
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| Privatbrief formuliert - wir kommen der Sache näher, von der Sie übrigens, wie mir einfällt, leider noch nichts wissen, weil es eben nur durch einen sehr langen Brief auseinanderzusetzen wäre, zu dem mir die Kraft fehlt.
Ich war ganz überrascht, daß die Tante schon fort ist. Hoffentlich bekommt ihr alles gut! Merkwürdig, daß mir ihre Neigung zu Depressivem eigentlich nie aufgefallen ist.
Eben schickt mir jemand 2 Shilouetten, die er während meiner Vorlesungen von mir gemacht hat u. bittet um die Publikationsgenehmigung. Im Kopf ist wenig nüanciertes Porträt, aber die beiden Rollaugen sind höchst charakteristisch. Ich bin so wenig urteilsfähig u. würde sie gern fragen - Aber die Sache eilt u. sie kommt mir sehr zu paß zum 75. Geburtstags meines Vaters, (15. Juli), zu dem ich mich eigentlich ordentlich photographieren lassen wollte. Habe aber nicht die mindeste Zeit. Also geeigneter Ersatz.
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| Fortgesetztes Blättern im Bädeker läßt mich glauben, daß es am besten ist, wenn wir uns um den 4./5. August herum in München treffen, dann gleich (nach vorausbestelltem Logis) nach Innsbruck fahren u. von dort aus solange suchen, bis wir was haben. Sonst kaufen wir wieder die Katze im Sack.
Aber ich kann nicht mehr leserlich schreiben. Deshalb Schluß mit innigen Grüßen
Dein
Eduard.