Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Juli 1914 (Leipzig)


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Leipzig, den 17. Juli 1914.
Abends.
Liebes Kind!
Die Art, wie Sie's jetzt treiben, empfinden Sie selbst als unvernünftig; ich brauche also eine lange Kritik nicht zu geben, sondern verlasse mich darauf, daß die Sache mit 14 Tagen ein Ende hat und künftig sinnvoller verfahren wird. Zwischen Arbeiten und Abjagen ist immer noch ein Unterschied. Die Arbeit muß für Sie so eingeteilt sein, daß sie nicht zur Hetze wird. Dazu gehört m.E. zunächst, daß Sie an den Kollegtagen nicht für sich kochen, sondern in eine Pension gehen, wo eine angemessene Qualität des Essens geboten wird. Im stillen befürchte ich, daß Ihnen diese (in jeder Hinsicht) unzweckmäßige Einteilung gesundheitlich schon geschadet hat. Ich habe das vorausgesehen, als ich hörte, daß der Medikus von 2-4 liest, habe es aber leider nicht ändern können, weil ich weit fort bin und nicht immer Recht bekomme.
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| Wie unendlich wertvoll es ist, sich nicht in einer solchen Situation zu befinden wie Sie, fühle ich - seit meiner Ankunft in Leipzig - zum ersten Mal in diesem Semester. Denn zum ersten Mal reichen meine Kräfte aus. Und es ist ein himmlisches Gefühl, ruhig und gleichmäßig, ohne die Angst des Versagens, wirken zu können. Die vielen Schmerzenslaute, die Sie in früheren Briefen erhielten, waren gewiß nicht erkünstelt oder übertrieben. Denn ebenso gern bekenne ich, wenn es mir gut geht, ja ich muß sagen, daß dieses Glücksgefühl ausreichender Kraft allem andern erst seinen Wert und seine Farbe gibt.
Über den Tod der Tante Fanny habe ich Ihnen noch kein Wort der Teilnahme gesagt. Für Sie ist es vor allem die Lücke im "Kreise", die Sie fühlen, und mit Recht. Aber auch die Verewigte selbst war eine wohltuende Natur. Seit Griesbach, wo sie mir als "Frau Präsident" aprori unerträglich war, ist sie mir Jahr für Jahr lieber geworden. Ich ging gern zu ihr, nicht aus Kon
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|vention. Auch blieb sie zu Hause, wenn man sich anmeldete. Der Tante wird sie sehr fehlen, und Walther gewiß am allermeisten. Ich wollte ihn eigentlich fragen, ob er nicht mit uns reisen will, um nicht allein zu sein. Aber ich durfte es nicht, ohne Sie zu fragen. Natürlich würde dies keine Fesselung zum Dreigespann bedeuten dürfen.
Noch ein anderer Todesfall hat sich ereignet: der Bruder von Frau Riehl, Prof. Reyer, zuletzt bei Binswanger in Jena, ist am 12. Juli gestorben. Für ihn eine Erlösung, für sie und die Kinder wohl sehr schwer. Der für morgen in Aussicht gestellte Besuch hier fällt nun wieder fort.
Auch mein Onkel Paulsoll vor der Auflösung stehen. - Die Hitze ist mir excellent bekommen. Ich konnte pro Tag 2-3 Stunden mehr arbeiten und litt nicht unter Müdigkeit. Am Mittwoch war ich nach dem Kolleg um 12.39 nach Berlin gefahren, um meinem Vater zum 75. Geburtstag zu gratulieren. Der Tag war ganz besonders
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| schön. Es ist - wie es auch werde, - ein Segen, wenn man ihn so erleben kann. Vormittags schon viel Besuch, der Blumen kein Ende. Nachmittags kamen: 2 Cousinen, Frl. Hilgenfeld (neueste Sozialfreundin meines Vaters) Klara Runge, mein Onkel mit Frl. Rauhut, Ludwig, Registrator und ein Mündel mit Mutter. Ich glaube, daß alle weiblichen Besucherinnen eine Liebeserklärung bekommen haben. In der Geseligkeit ist mein Vater nun einmal genial, wenn er auch nicht mehr so viel aushält und - das verhehle ich mir nicht - durchaus so alt ist wie sein Alter. Die Blumen waren garnicht unterzubringen (übrigens habe auch ich von unbekannter Hand ein Riesenbukett von Eselsdisteln in Riesenformat mit Edelweiß und Wicken) - Mein Vater war über alles sehr glücklich, aber auch darüber, daß ich um 10 alles mit mir fortnahm, denn Paula hatte bereits ihren <Wort unleserlich>, tanzte und brach dem Klaviersessel einen - Zacken ab, von dem sie Gebrauch machte. Um 1 war ich in Leipzig, um 3/4 2 im Bett, um 7 wieder auf, um meinem Audi
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|torium von mindestens 420 Leuten (!) meinen Zustand mit gewohnter Grazie zu verbergen. Ich behaupte, daß eine solche Konstanz des Kollegbesuchs noch nicht da war. Es gelingt: mir meist gut, weil ich allen treuen Willen und alle Liebe hinein stecke, und ich habe das Gefühl eines großen Kontaktes.
In der Politik sind ärgerlich viel Dumme. Aber auch hier bin ich ordnerisch u. sachlich Herr der Situation wie selten. Die Übungen ungleich, die Referate miserabel wie nie. Ich mache aber die Erfahrung, daß ein geistvoller Mann mehr erreicht ohne Präparation, d.h. [über der zeile] als 100 Gerechte, von denen auch nur 3 präpariert sind.
Außerdem erlebe ich, daß ich viel Geld ausgebe. Gottlob ist es da; aber die melkende Staatsexamenskuh läßt mich seit 1 Woche im Stich; das geht an die Depots. Das erste Drittel Wehrbeitrag mit 86 M habe ich auch schon leisten müssen.
Unsre Reisepläne standen für mich im Dunkel während der Kriegsgefahr. Jetzt
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| glaube ich daran nicht mehr. Es scheint, daß ich am 4. August wegkomme; freilich ist dann der stärkste Verkehr, und meinerseits ist Eile diesmal nicht nötig. Wir müssen uns aber verabreden. Vielleicht fahre ich noch einmal am 1. u. 2.VIII. nach Berlin-Neubabelsberg. Wenn Sie 1 Tag früher in München sein wollen, ist es mir recht. Ich würde auf der Hinfahrt nicht gern in München länger als 1 Nacht bleiben. Wir könnten am 5.VIII. in Innsbruck (um 12) sein und dann suchen. Natürlich bringe ich literarische Pläne u. Ideen mit. Sie sollen während der Zeit zunächst viel schlafen. Das will ich übrigens jetzt auch gleich, weil ich seit 8 Uhr früh bis 10 im Dienst war. Also nur noch 2erlei: Friedmann hat mir einen Vortrag gewidmet, der mir wohl Ehre machen kann. - Und an Troeltsch schreiben will ich nicht. Eher zurück via Bludenz, Reichenau, Heidelberg.
Kuratoriumssitzungen d. Frauenhochschule ohne Zahl. Die Frauen machen einem doch
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| immer zu schaffen, teils daß man sie bildet, teils daß man
sich nach ihnen sehnt wie ich nach Dir.
In Liebe
Dein
Eduard.

Sonntag: Kösen.
Montag: Paeonia bei mir im Fürstenhof.