Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. Juli 1914 (Leipzig)


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Leipzig, den 25. Juli 1914.
Liebe Freundin!
Die Sonne hat zu lange und zu schön geschienen, als daß es so fortgehen konnte. Aber wir werden auch der ungewissen Zukunft gemeinsam und gefaßt entgegengehen. Politische Betrachtungen anzustellen, hat nicht viel Sinn. Ich glaube, es müßten Wunder geschehen, wenn jetzt der große Weltenbrand noch verhindert werden sollte. Und ebenso glaube ich - es muß so etwas kommen, und wir haben zu zeigen, ob wir des Schicksals wert waren, das wir bisher genossen. Es ist eine große Umwertung aller Dinge; aber wir wollen sie vollziehen, um nicht bloß von der Größe von 1813 geredet zu haben.
Praktisch folgt für uns beide zunächst Verzicht auf Innsbruck. Sie sind durch
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| zwei Brüder dem Krieg noch enger verflochten; wir beide aber wissen zunächst nicht, was unsre Bestimmung ist. Ich rate für den Fall der Kriegserklärung v. Rußland an Oesterreich, daß Sie noch vor der Mobilmachung hier nach Cassel reisen und dort das Weitere abwarten. Alles eigentlich Wertvolle müßten Sie mitnehmen, Geld nur, sofern es z. Z. bar zu machen ist. Alles andre ist doch nur Chimäre.
Ich werde zunächst zu erkunden haben, ob die Regierung irgendwie über uns verfügt; wenn wir nur in irgend einer Form gebraucht werden, ist es selbstverständlich, daß ich hier bleibe. Sollten aber die "Ferien" als solche behandelt werden, so gehe ich zunächst nach Berlin, wo ich vielleicht doch eher nützlich werden könnte als hier. Finanziell bin ich natürlich abhängig von der Fortdauer der Gehaltszahlungen und wie weit die Dresdner Bank ihren Verpflichtungen nachkommen kann.
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| Die unklar, ob „Die“ unterstrichen ist große Frage, die ich an die Zukunft stelle, ist die, ob unsre Sozialdemokratie den Generalstreik durchführen wird. Ich glaube es nicht. Sondern jetzt werden sich die eigentlichen Faktoren des Lebens zeigen: Nichtigkeitbitte im Original prüfen, ob hier ein Fragezeichen über „Nichtigkeit“ ist, bzw. von wem es stammt des einzelnen, Geborgensein im Gesamtleben und Religiösität, Kraft der ursprünglichen Volksgefühle und Einsetzung des Lebens für Höheres. Wir werden nicht sentimental sein. Es kommt jetzt eben die Probe auf die Theorie. Das Schlimme für Deutschland wird nur sein, daß es aus dem Dreibundvertrag eigentlich nur ein ideales Moment für den Krieg herauslösen kann: Schutz der deutschen Kultur in Oesterreich. Aber ein großes Ideal trägt dieser Krieg nicht in sich, wenn es ihm nicht noch durch die Wendung der Dinge gegeben wird.
Ich habe seit heute morgen keine neuen Nachrichten, rede also nur aus der sicheren Erwartung heraus, daß es zum Kriege kommen
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| muß.
Schmerzlich ist mir, daß wir das alles nicht gemeinsam an einem Orte erleben können. Wenn es irgend möglich ist, müssen wir es natürlich herbeiführen.
Ich bin heut abgespannt, denn die Arbeit geht so, als ob die Wissenschaft den höchsten Kurs hätte. Wohl auch noch die nächste Woche. Im kleinen manche Schwierigkeit. Morgen kommen Riehls. Wir sind bei Wundt. Das ist mir eine Art Beruhigung.
Morgen hoffe ich einen Brief von Dir zu haben. Lebe wohl und sei mutig!
In Liebe Dein
Eduard.