Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. Juli/1. August 1914 (Leipzig)


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Leipzig, den 30. Juli 1914.
Liebes Kind!
Wir müssen viel umlernen in diesen Tagen. Und doch war meine Seele selten so gefaßt. Nur das eine betrübt mich, daß ich mich von meinen lieben Studenten trennen muß, die mir so viel Wärme und Treue bezeugen. Es wäre das Natürliche, daß ich auch mit ihnen hinauszöge. Aber wie soll das sein? Ich habe eine flammende Rede gehalten über das sittliche Recht des Krieges. Warum soll ich keinen Anteil haben an diesem Recht? Auch diese Entwicklung muß man abwarten.
Überhaupt ist der Zeitpunkt noch völlig dunkel. Unsre sonnigen Tage sind dies Jahr von tiefen Wolken bedroht. Ich frage danach nicht. Nur mit Dir zusammensein und mit Dir leben möchte ich. Das wäre wohl kein Egoismus; es wäre nur die Vollendung unsrer gegenseitigen
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| Bestimmung. Doch dürfen wir daran zunächst nicht denken. Im Kriegsfall ist meine Bestimmung Leipzig. Ich muß hier wirken und organisieren, soviel ich kann. Und es wird auch für die Zurückbleibenden viel zu tun geben. Für Dich ist Cassel der gegebene Ort. Aber ich fände es nicht richtig, wenn wir uns auf der mittleren Linie, etwa im Harz treffen wollten. Solange nicht klar entschieden ist, wo man mich braucht, gehe ich auf längere Zeit nicht fort.
Man redet ungern vom Persönlichen. Mein armer Onkel Paul ist heut Nachmittag in Berlin beerdigt worden, und ich konnte nicht einmal dabei sein; denn die Universitätsgeschäfte gehen unvermindert fort. Nur daß man sich kaum noch vorbereitet. Noch sind fast 400 in meinem Hörsaal von den 600!! Auch eine Treue bis zuletzt, und es ist fast eine rührende Liebe, weil wir in jedem Pulsschlag uns verstehen. Wie sie einst kamen,
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| weil sie mich mit ganzer Seele dabei fanden, so kommen sie jetzt, weil sie wissen, daß auch ich nicht dabei bin. Und das ist das Normale. Wir fühlen uns.
Gute Nacht, mein Geliebtes. Morgen mehr.

Fortsetzung am 1. August 1914.
So konnte man vorgestern noch schreiben. Nun ist die Entscheidung wohl gefallen, das Semester ist geschlossen, und ich stehe untätig, wo so viele fieberhaft arbeiten. Ein unnormaler Zustand, aus dem ich meine Konsequenzen ziehen werde.
Wir wollen möglichst den briefl. Konnex aufrecht erhalten, auch wenn jetzt die Bahnen gesperrt werden. Also immer Datum angeben! Vor allem möchte ich wissen, ob Sie und die Tante in jeder Weise sichergestellt sind. Schreiben Sie mir über Ihre finanzielle Lage und ob ich etwas schicken soll. Das System der größten Sparsamkeit ist hier wieder eingeführt worden. <Unklar, ob eine (eckige) Klammer vor dem „Wir“ ist> Wir werden alle das Verzichten lernen müssen.
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| Ob man sich zweckmäßig eingerichtet hat? Nach Berlin habe ich 500 M geschickt. Sie müssen, wenn die Teurung nicht zu groß wird, bis Ende September reichen. Offene Bankkonten sollen nicht ganz sicher sein. Ich habe alles bis auf 700 M zurückziehen können. Die festen Einlagen sind nicht bedroht. Sparkasse ist immer noch sicher. Doch wird man wohl warten müssen, bis einige Beruhigung eingetreten ist: die Auszahlungen werden z. T. beschränkt. Wenn alles vernünftig wäre, d. h. die Geschäfte, die jetzt so ungeheuer viel verdienen, alle wie gewöhnlich deponierten, so würde sich die Sache ganz gut ausgleichen, ja vielleicht eine Steigerung eintreten.
Wenn ich vom Politischen nichts sage, so ist es nicht Gleichgiltigkeit, sondern Überfülle. Ich bin mit mir noch nicht fertig, d. h. mit dem Umlernen. Aber auch diese Lage muß produktiv gemacht werden.
Was hören Sie von Herrmann und Kurt? Friedmann reist heut Abend (mit m. Geld) und hinterläßt mir einen Stoß v. Verfügungen. Willmann <Franz; vgl. ES 15. 05. 1918> traf ich zufällig, geht nach Thorn. Es ist wie in der Völkerwanderung. Wie will man die Menschenmassen ernähren? Und wer wird den Kaiser beaufsichtigen?
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| Wir können nur durch schnelle Erfolge aus der Gefahr des Erdrücktwerdens entkommen. Greift aber England ein - so sollten wir lieber kapitulieren; dann ist es mit uns wohl vorbei.
Alle Beamten sind vom Urlaub zurückgerufen. Wir haben nichts zu tun. Möglich, daß ich zum Landsturm eingezogen werde. Aber man wird mich kaum in die Uniform stecken.
Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schrieb, daß Riehls am Sonntag bei mir waren. Es war ein schöner Tag, nur schon bedroht. Ich war damals an Wundts Tisch von uns dreien der einzige, der an Krieg glaubte. Leider habe ich Recht behalten. Frau Riehl gedachte Ihrer herzlich u. dankbar. Ich soll Ihnen das sagen.
Wie anders erscheint das Leben unter solchen Aspekten! Es findet eine Regulierung der Wertanschauungen statt. "Die militärisch-politische Macht eines Volkes", so sagte ich in m. Rede, ist Ausdruck seiner sittlichen Kräfte. Macht
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| ist nicht ethisch indifferent, sondern kann und soll den Gipfel der Sittlichkeit bedeuten". In dieser Hinsicht brauche ich nicht umzulernen. Das Politische habe ich immer als die Basis unsrer nationalen Kultur angesehen.
Krieg ist Fatalismus. Ein Zurückgeben des Daseins in den Schoß der dunklen Mächte, denen es entstammt, weil keine rationale Entscheidung mehr möglich ist. Und ein Glaube, daß da der Sinn, nicht Willkür richten wird. Ein Krieg ist deshalb notwendig und immer religiös. Ob wir gewinnen oder verlieren: er muß uns wieder religiös machen.
Aber es ist nicht die Zeit zu allgemeinen Betrachtungen: Könnte ich Dich hierhaben. Wer weiß, wann wir uns wiedersehen. Aber die Liebe steht über allem.
Herzliche Grüße allen in Cassel
Dein
Eduard.

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Einer Russin, die mir ein Orchideenbukett für 65 M schickte, habe ich einen pädagogischen Brief geschrieben. - Wie ergreifend sind die Abschiedsbriefe und -worte meiner Studenten. Ich glaube erst diese Tage der Not haben mich zum akademischen Lehrer gemacht.