Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. August 1914 (Leipzig)


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Leipzig, den 2. August 1914.
Geliebtes!
Heut ohne Nachricht von Dir! Vermutlich haben Sie an Ihre Brüder geschrieben. Ich fühle mit Ihnen, was das heißt. Worte versagen hier.
Mitzuteilen ist nichts. Nur will ich noch einmal schreiben, ehe die Bahnlinien unterbrochen werden. Gerüchte von einem Attentat auf den Kronprinzen. Die Welt ist aus den Fesseln. Morgen werde ich mich wohl beim Landsturm zu melden haben. Unser Armeekorps war bisher ausgenommen. Auch einiges Geschäftliche will ich hier erledigen, weil ja die Zukunft völlig dunkel ist.
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| Im linken Fach des mir von Ihnen geschenkten Schreibtisches liegt mein eigenhändig geschriebenes Testament. Diese Form ist nach neuerem Gesetz rechtsgiltig. Es trägt das Datum: 22. Juli 1914 und ist in einer Zeit geschrieben, wo ich infolge der herrschenden finanziellen Ordnung über ein Vermögen von etwa 18500 M verfügen konnte. Sie sind als Universalerbin eingesetzt, jedoch mit der Verpflichtung, meinen Vater standesgemäß zu erhalten, so lange er lebt. Mit der letzeren Bestimmung gebe ich Ihnen den stärksten äußeren Beweis meiner Liebe.
An derselben Stelle liegt vorläufig das Testament von Friedmann und ein versiegelter Brief von ihm, der nur von seiner Braut, Frl. Haas, eröffnet werden darf. - Auch sonst findet sich, besonders auch
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| in Charlottenburg, unter meinen Papieren viel geschäftlich, persönlich und wissenschaftlich Wertvolles, über das Sie im Fall zu verfügen haben.
Ich hoffe, daß die Berührung dieses geschäftlichen Punktes [über der zeile] Sie nicht trübe stimmt. Gerade um dies zu vermeiden, berühre ich ihn zu einer Zeit, wo von persönlicher Gefahr noch nicht die Rede sein kann.
Friedmann ist gestern nach Wien eingerückt. Die fröhliche Siegfriedfanfare wird vor meinem Fenster nun lange nicht mehr ertönen. Er fuhr in Uniform. Die Ovationen der Menschennmasse auf dem Bahnhof waren ungeheuer. Seine Braut und ich hatten Mühe, an seiner Seite zu bleiben. Der Abschied war herzzerreißend. Die Welt greift schonungslos in unsre Brust.
Ich vertraue darauf, daß es eine Ordnung der Dinge gibt, wo das herrscht, was Dich und mich zusammengeführt hat.
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| Ich drücke Dir die Hand und küsse Dich!
Dein
Eduard.

Luxemburg! Ein Neutralitätsbruch; aber mit Schneid! Jetzt hat alle Neutralität ein Ende! Unsre Reichenauer haben Recht!