Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8./9. August 1914 (Leipzig)


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Leipzig, den 8. August 1914.
Geliebtes!
Das ist mir eine echte Freude und eine Probe auf alles Frühere, daß Du in diesen schweren Tagen so ganz die Fassung bewahrst. Wenn Du darauf achtest, wie sich jetzt alle Lebensseiten schärfer herausarbeiten: teils das Wirtschaftliche, teils das Soziale, vor allem aber Politik und Religion, während Wissenschaft und Kunst verschwinden, so wirst Du auch finden, daß das Letzte immer religiös ist. Wenn wir siegen, werden wir es so fassen, und wenn wir untergehen, so wird es wiederum religiös wirken. Jeder aber legt - außer dem allgemeinen Leben - sein ganz Besonderes hinein: was ihm der höchste Inhalt war, an dem hält er fest, für das kämpft er, und das Vaterland hat in dieser Zeit 1000 Gestalten und Namen.
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| Ich bin noch nicht zur eigentlichen Konsolidierung gekommen. Besonders die schlechte Fassung der ersten Lütticher Depesche ließ mich an eine Niederlage glauben (die gerade in Belgien von furchtbaren auch ideellen Konsequenzen gewesen wäre). Jedenfalls sind die Verluste wohl sehr stark. Bergmann, der einzige, der mir jetzt hier näher steht, ist zum Pessimismus geneigt und dabei tiefer, echter Patriot, sanguinisch nach seiner Art, hat mir die letzten Tage recht schwer gemacht.
Diese seltsame Konkordanz zwischen uns! Dasselbe, was Du sagst, habe ich tags zuvor an meinen Vater geschrieben, nämlich daß wir, wie es auch werde, froh und stolz sein müssen, eine solche Zeit der Würde und des heiligsten Ernstes miterlebt zu haben. Unser ganzes früheres Leben ist dagegen ein Nichts, Die Maßstäbe verändern sich, die schlichte Größe des einfachen Mannes kommt zu ihrem Recht, wie die organisatorische Kraft des Führers. In wenigen Tagen sind mir die Sachsen so lieb geworden, wie ich nie geglaubt hatte: die Bescheidenheit
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| und Bedürfnislosigkeit dieser Menschen besteht jetzt die Probe. Sie sind, trotz ihrer sorbischen Abkunft, echt deutsch.
Meine Privatexistenz ist nicht nach meinem Sinn: Wegen der Notexamina muß ich jeden Tag jede Stunde parat sein; der Landsturm kann jeden Tag einberufen werden. Auf der Liste des Rektorats stehe ich an erster Stelle der freiwilligen Dienstmeldungen, und Jungmann habe ich mich für die Thomasschule angeboten. Daneben ringt natürlich auch das Philosophische in mir: Denn diese Erlebnisse wollen heraus, so wie man Kriegslieder nicht nach Friedensschluß dichtet.
Mit den Kollegen, besonders Lamprecht, wird viel politisiert. Sehr viel Sicheres weiß niemand.
Eine kleine Funktion habe ich seit gestern. Köster, der designierte Rektor, hat in Schönefeld für durchziehende Truppen eine Bahnhofsverpflegung organisiert. Am ersten Tage kam jede halbe Stunde ein Zug (alles nach Westen!), selbst die Schlesier. Bergmann u. ich marschierten <
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| um 5 Uhr früh von meiner Wohnung ab. Um 6 kam der 1. Zug. Das Bild, ebenso komisch wie rührend werde ich nie vergessen, wie der Rector Magnificus in seiner tänzelnden Art ein großes Tablett Tassen an den Zug schleppte. Von den Tassen sind wir abgekommen. In mächtigen Eimern wird Kaffee und Limonade oft bis 1/2 km an die Züge gebracht; die Mannschaften schöpfen mit ihren Trinkgeschirren. Außerdem werden belegte Brötchen, Cigarren,x) [li. Rand] x) Biermann hat sie gestiftet; ich habe 50 M gegeben.> Postkarten u. s. w. gereicht. Die Offiziere schreien nach Zeitungen. - Welches Gefühl, wenn dann aus dem - Viehwagen mir ein jugendliches Gesicht zurief: Guten Tag, Herr Professor! - Und heute kam auch mein Lieblingsschüler Walther Hofmann mit der sächs. Artillerie als Vicefeldwebel durch. Ich habe ihm die Flasche mit dem Heidelberger Schloß mitgeben, weil ich gerade nichts andres hatte: statt Weißherbst war Cognac drin! - Meine "Gliedmaßen" tun mir entsetzlich weh. Es fehlt die Übung. Trotzdem wäre es mir das Liebste, wenn ich zum Landsturm genommen würde; man muß sich schämen, wenn man jetzt keine Waffen trägt. Aber ich beginne auch die Sache von einer andren Seite ertragen zu lernen. Ich weiß sehr
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| wohl, daß wir beim Siegen, noch mehr - was Gott verhüte - beim Unterliegen, die Intellektuellen im Lande dringend brauchen werden. Deshalb möchte ich diese Ereignisse möglichst bewußt mitmachen. Es muß eine politische Weltanschauung dasein, wenn die Waffen schweigen. Ich will also versuchen, mir den Blick für diese Dinge mitten im Kriegslärm klar zu halten und mit den Ereignissen zu wachsen. "Mit den Ereignissen" - denn eine Lebensanschauung kann nicht apriori sein. Man muß sehen, woran es fehlt und woran es nicht fehlt. So habe ich immer produziert und gedacht. Ich glaube, es wird auch diesmal meine Stelle sein, selbst dann, wenn ich mit der Mukete die Brücke bei Commritz bewache.
Meinen Vater scheint der Gang der Dinge anzugreifen. Es ist die Frage, ob sein Herz die Erregungen noch aushält. An eine Reise nach Berlin ist nicht zu denken. Ich gehöre hierher; es wird hier ebenso stramm gearbeitet wie in Preußen - auch diese Einsicht ist ein Fortschritt.
Bei Rohns, deren Sohn bei der Artillerie ist, war ich lange. Überall nichts als Heroismus.
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| Es ist eine Lust zu leben.
Und es ist ja ganz unmöglich, daß dieses Echte verloren gehen sollte. Selbst wenn wir unterliegen, muß diese Kampfbereitschaft für kommende Jahrtausende sein wie der Tod der 300 in den Thermopylen. Beklagenswert dann nur der, der nicht mitsterben kann!
"Wer sterben kann, wer will dann den zwingen?" Mit diesen Worten Fichtes habe ich meine Kriegsrede geschlossen. Und ich bin bereit, die Probe zu machen, wenn der Ruf an mich kommt.
Schluß für heute!

9.8.14.
Ich habe heut viel zu erledigen und füge nur noch ein Wort hinzu. So ändern sich die Zeiten: das Schiffchen, mit dem ich vor 2 Monaten nach Cuxhaven fuhr, legt Minen in der Hansemündung!
Ich gedenke Deiner und Deiner Brüder, der Tante und aller "Unsrigen". Lebewohl und Gott mit Uns!
Dein Eduard.