Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. August 1914 (Leipzig)


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11.VIII.14.
Abends.
Mein liebes Kind!
Ich bin aufs tiefste ergriffen von dem Großen und Schönen, was ich sehe. Und ich sehe es nicht mit Rührung, sondern mit der Andacht, wie man ein ganz großes Weltwunder sieht, das einem Gott zu sehen schenkt.
Könnte ich mitgehen! Du mußt es fühlen, wie es mir in allen Pulsen zuckt, jetzt nichts voraus zu haben. Soll ich mich melden? Da tritt dann wieder dies Schmerzliche ein: ich, der ich so ausschließlich Kopf und Nerven schulen mußte, würde auf dem ersten Marsch liegen bleiben. Meine eigentliche Kraft, das Intellektuelle, das ich vielleicht als höherer Offizier entfalten könnte, wenn ich diesen Weg beschritten hätte, bliebe außer Funktion; ich wäre
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| nicht so viel wert, wie der bescheidenste Landwehrmann mit ausgebildeten Muskeln. Das ist ein herbes Geschick. Ich glaube nicht, daß man uns Intellektuelle ernstlich braucht. Denn ich glaube fest an einen Sieg. Ja selbst unsre Niederlage wäre vor dem Forum der Weltgeschichte ein Sieg. Denn es gibt ja nichts Höheres als diesen Opfermut.Ich kann Dir nicht sagen, wie glücklich ich bin über diesen Höhepunkt meines Lebens, daß ich mein Volk so sehen darf. Was ich andächtig aus alten Quellen zu beleben suchte, wie unwirklich wird es jetzt übertroffen!!
Ich habe wohl 5000 Soldaten <gestrichen: Wort unleserlich> zu trinken gereicht von den 100 000, die durchgekommen sein mögen, und habe mit hunderten gesprochen. Von allerhand, im Ernst und im Scherz. Aber kein Wort klingt mir so nach im Ohr wie das eines einfachen Landwehrmannes, der mir heute zurief: "Wir wollen auch gern kämpfen für die, die uns
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| so gut verpflegt haben." Das ist die erste Größe: das Leben für einen kleinen, mehr symbolischen als realen Liebensdienst!
"Wir sind überall gut aufgenommen worden, aber so, wie in Sachsen hat man uns nirgends empfangen." Und das ist wahr! Ich habe die Sachsen lieben gelernt. Dies bescheidene, treue Volk, ich habe ihm viel abzubitten!
Heute ging die Arbeit fast über meine Kräfte. Ich sah daran, daß ich nicht eigentlich kriegstüchtig bin; ich müßte erst Wochen trainieren, wie wir alle. So wende ich mich meinen Pflichten zu und suche am Abend still zu verarbeiten, was mir das große Leben in den Schoß wirft. Du weißt ja, wie ich stets nur von diesem Quell lebte. Es ist ein philisterhaftes Werk jetzt, aber vielleicht muß auch dies getan werden. Für spätere Zeiten, nicht für uns. Wir brauchen keinen Fichte. Jeder deutsche Baum steht heute auf der Höhe, auf die - Fichte uns hob!!
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| Meine Arbeit gilt der Macht als sittlichem Faktor. Aber meine Seele ist voll von Liebe. und ich muß Dir bekennen, daß sie allem gilt, was da vorbeifährt. Auch den Pferden! Diese herrlichen, treuen Geschöpfe mit den großen Augen! Und dies Verhältnis zwischen Mann und Roß schon im Wagen. "Solange's Pferd noch gesund ist, da geht's noch." Bisweilen sieht auch ein großer Hundekopf mit über die Brüstung. Es ist, als ob alles Lebendige mitzöge, um Deutschland zu retten.
Heil Dir, mein deutsches Vaterland, Du bist noch gesund bis ins Mark. Du hast Deine Heldenzeiten nicht hinter Dir, sondern vor Dir, und das Schicksal hat Dich vor diesen Kampf und diese Schmerzen gestellt, damit Du der Welt das Beispiel werdest von dem, was ein Volk kann, mit Ernst und Zucht, mit Ordnung und Arbeit!
Und auch Deine Frauen liebe ich, von denen jede eine Heldin ist. Duaber bist und bleibst meine Gewißheit. Vielleicht kommen auch für uns noch die großen Tage! Dein Eduard.