Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. August 1914 (Leipzig)


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Leipzig, den 16. August 1914.
Wundts 82. Geburtstag.
Mein liebes Kind!
Dein Brief zeigt Dich in der ganzen Treue und Größe Deiner Seele. Ich danke Dir!
Aber so plötzlich geht die Sache mit dem Landsturm nicht. "Einberufung" ist nicht das richtige Wort. Es handelt sich zunächst um Meldung zur Stammrolle. Sodann folgt Einziehung, wahrscheinlich nach Jahresklassen (ab 1894 über 1882 bis 1875), unter Berücksichtigung der gesundheitlichen u. persönlichen Verhältnisse; sodann Ausbildung, normal von 8 Wochen, od. kürzer, endlich Verwendung im Landesdienst zu Transporten, Bewachungen etc. Mich können sie sicher zu nichts andrem brauchen.
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| Und da ich kein ganzer Soldat sein kann - ein halber zu sein habe ich eben auch nur ein halbes Herz. - Ehe dies alles eintritt, kommt aber der gediente Landsturm heran, der natürlich viel wertvoller ist als wir.
Jetzt zu reisen, möchte ich Dir bei aller Sehnsucht nach Sehen und Sprechen nicht empfehlen. Wir wollen sagen: wenn ich zur Ausbildung eingezogen werde, dann komm; denn dann läßt sich nicht übersehen, wie schnell die Dinge sich entwickeln.
Obwohl Dein Gefühl wie meines sein wird, möchte ich doch zur Erklärung noch etwas sagen: ich hätte Dich längst gebeten, zu kommen, wenn ich nicht dächte: ein Wiedersehen jetzt wäre so etwas von Ferien zu unrechter Zeit. Ich habe den ganzen Tag frei, Du auch - wir würden dann hier so leben, als ob nicht die ganze Welt
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| um uns herum litte und entbehrte. Es ist so etwas wie Scheu in mir, die günstige Lage, die gerade uns beiden das Schicksal schenkt, auszunützen, ehe die erste wichtige Entscheidung gefallen ist, die doch auch über uns bestimmt. Es ist dasselbe Gefühl, aus dem heraus ich nicht nach Berlin gehe, obwohl ich mich hier, glaube mir, tief, tief einsam fühle. Außer Frau Rohn und - in Distanz: - Frau Persner, eigentlich keine näher stehende Seele. Bergmann völlig durch Überreizung unbrauchbar.
Also schieben wir hinaus! Mein Entschluß ist, Dich zu bitten, sobald die äußere oder innere Entwicklung soweit reif ist. Etwas andres wäre es, wenn Du dauernd für den Winter hier leben wolltest und könntest. In der Frauenhochschule findet ein Pflegerinnenkursus statt, der wahrscheinlich schon überfüllt ist, aber als Kuratoriumsmitglied könnte ich es ermöglichen. Nur bin ich mit diesem
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| Gedanken nicht herausgekommen, weil ich meinte, die Tante dürfe nicht ganz allein bleiben. Bis vor kurzem dachte ich auch noch an eine kurze Fahrt meinerseits nach Cassel. Das Dumme ist ja, daß man (eben wegen der Einberufung etc.) keine Zukunftspläne machen kann. Ich wollte mich eigentlich morgen an einem Gymnasium hier melden. Morgen früh u. die nächsten Tage noch Notprüfungen.
Dieses völlige Schweigen aller Nachrichten ist entsetzlich lähmend. Ich war 3 Tage in meinen Gedanken, nun bin ich - durch die Stille - wieder aufgeschreckt. Gestern lag es bleiern still über der Stadt.
Dein lieber Brief kam heute. Nieschling ist Regiment 71.
Wenn man doch etwas hörte. Der Kaiser ist zur Armee. In Serbien Sieg, aber große Verluste. Auch wir müssen bei Lüttich (??) unerhört verloren haben. Der Kriegsplan wahrscheinlich ein Tricplan. Wozu sonst dies Schweigen?
Also, mein Geliebtes, keine Beunruhigung fürs erste. Fürs "Feld" bin ich noch gar nicht reif.
<li. Rand> Universitätsprofessoren ohnehin qualité IVème. Beiliegenden Brief bitte zurück.
<Kopf>
In treuester Liebe und festem Sinn
ewig Dein Eduard.

[re. Rand] Gruß an die Tante!