Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. August 1914 (Leipzig, Grassistr. 14)


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<Stempel:>
PROFESSOR SPRANGER
LEIPZIG, GRASSI-STR. 14.
Liebe Freundin!
Die Vorstellung eines "Abschiednehmens vor langer dunkler Ungewißheit" - ich habe das Gefühl, daß das nicht so ganz in der Linie unsrer Weltanschauung liegt. Denn der dunklen Ungewißheit gehen wir immer entgegen, auch in friedlichen Tagen. Aber ich glaubte, das Leben, was es auch bringe, sei für uns weder dunkel noch ungewiß.
Und so sah ich auch vor diesem entscheidenden Siege, denn ich wollte schon gestern früh schreiben, die Dinge voll Ruhe und Glauben. Auch ein Zusammenbruch müßte mich auf dem Posten finden: alles, um was ich ringe, ist das deutliche Bewußtsein, welches dieser Posten ist. Davon nachher.
Wenn der Landsturm einberufen wird, bleibe ich in Leipzig. Bis ich zum Ausrücken ausgebildet bin, bleibt sicher Zeit
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| und Gelegenheit zum Sehen. Eine Fahrt von Cassel hierher kann ich für Sie jetzt nicht zugeben. Sie würden 15 Stunden fahren (Berlin-Leipzig fahrplanmäßig 9!) Das wäre eine nicht zu verantwortende Kraftvergeudung. Wenn die Schnellzüge wieder gehen, wäre ich sehr froh, wenn Sie sich für eine Fahrt hierher freimachen könnten. Sonst bleibt es bei der Verabredung: im Notfall telegraphiere ich.
Gedanken und Befürchtungen liegen nach einer ganz anderen Richtung. Es kann, was Gott verhüten möge, der Fall eintreten, daß einer Ihrer Brüder verwundet würde und daß Sie zu ihm reisen müßten oder wollten. Es ist recht, sich jetzt für alle, auch nicht erhoffte Fälle zu verabreden. Ich bitte Sie also, mir in diesem Fall vorher zu telegraphieren und jedenfalls meine telegraphische Antwort abzuwarten. Denn ich möchte nicht, daß Sie ohne mein Wissen in die Welt hineinreisen.
Der große Sieg kam zur rechten Zeit: es ist die Rettung vor einer italienischen
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| Kriegserklärung. Im Moment - man munkelt sogar von der Einnahme Belforts - ist der Stand unsrer Kriegsoperationen der denkbar günstigste. Freilich werden auch die Opfer schwer und schmerzlich genug sein.
Endlich ein Wort über mich: Es hat sich in mir ein Umschwung vollzogen, nicht in der Auffassung und Bewertung der nationalen Schicksale, wohl aber in der Konsequenz, die ich für mich daraus ziehen muß. Man hat mich nirgends brauchen können. Auch die für Gymnasien angebotenen Dienste angebotenen Dienste sind nicht angenommen worden (Grund wohl: Arbeitslosenkonkurrenz). Ich stehe vor der Wahl, mich als Freiwilliger zu melden oder in die Bahnen meiner engeren beruflichen Bestimmung zurückzukehren. Das erstere hätte einen Sinn, wenn ich über die durchschnittlichen physischen Kräfte meines Alters verfügte. Es ist nicht der Fall, so schmerzlich mir gerade jetzt dieses Eingeständnis wird. Man würde mich allenfalls irgendwo hinter die Bagage stecken. Diese Meldung hätte also erst bei wirklicher Gefahr des Vaterlandes einen Sinn. Ich kann aber hier nicht untätig bleiben und von
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| einem zum andern in dem jetzt wachsenden Mitteilungsbedürfnis herumlaufen. In dieser Woche war ich noch bei Wundts, Persners und heut Abend treffe ich mich mit jüngeren Kollegen. Doch will ich künftig wieder einsamer leben. Ich glaube mir das Bekenntnis schuldig zu sein, daß die bisherigen Aufgaben meines Lebens nicht durch die Tagesereignisse wertlos geworden sind. Vielmehr ist es meine Pflicht und Bestimmung, mit diesen meinen Kräften hinter unsrem Heer einherzuziehen und in angespannter geistiger Arbeit daraus etwas zu gestalten, das die Siegenden empfängt oder - im schlimmsten Fall - den Unterlegenen emporhilft.
Meine Gedanken gelten einer Philosophie der Macht. Jeder Tag und jedes Ereignis liefern mir die größten Anschauungen zu diesem Thema. Ich sehe eine große Gedankenmasse sich allmählich und mühsam organisieren. Unsre Zeit in Gedanken zu fassen ist umso wichtiger, als keine Zeit so groß war. Ich bin in dem Alter, das gerade dazu die Kraft gibt; denn auch hierzu gehört eine Kraft, und gerade sie habe ich in mir mit aller meiner Energie zu
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| entwickeln versucht. Das darf jetzt nicht weggeworfen werden. Ich werde mich also vorläufig nicht für dies oder jenes zur Verfügung stellen, in dem klaren Bewußtsein, daß ich an dieser meiner Stelle nicht, wohl aber an jeder anderen zu ersetzen bin. Auch hierzu bedarf es des Sieges. Und nur wenige ahnen, wie schwer mir dieser Entschluß wird, der so nichts von Glanz nach außen an sich trägt, für den es keine Lorbeeren gibt. Ich war immer begierig nach Ruhm. Wenn es heute der höchste Ruhm ist, zu sterben, so wird es mir schwer, an diesem Ruhm nicht Anteil zu haben. Aber nur als Kriegsfreiwilliger würde ich dazu gelangen, und dazu gehört ein andrer Körper, als ich ihn mitbringen kann. Vielleicht gelingt es mir, auf meiner Linie ein Stück siegreich vorwärts zu dringen. Sie steht dem Leben der Nation nicht fern. Denn ich achte im Grunde alle die gering, die, wie Wirth, jetzt an ihren Mikrometerexperimenten aufgehen können und dabei Ruhe finden. Mein Denken soll in engster Beziehung zum Gehalt der nationalen Schicksale stehen.
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| Ein äußerlich pflichtmäßiges Moment kommt hinzu. Die Vorlesungen sollen, wie Wundt mit Bestimmtheit versichert, im Winter stattfinden. Der Staat zahlt mir mein Gehalt weiter; er requiriert mich nicht für andre Zwecke. Also kann er auch verlangen, daß ich das Meine auf meine Art tue.
Mein Vater läßt Sie grüßen. Mein Onkel ist glücklich wieder zu Hause eingetroffen. Grete Paulsen ohne Nachricht in Südfrankreich. Mein Famulus als Soldat in Posen. Sonst wenig Nachrichten. Nach Berlin fahre ich auch erst auf 1 Tag, wenn Schnellzug geht. Bergmann ist als Freiwilliger eingekleidet. Bisher habe ich 24 Notprüfungen abgehalten.
Alles verstehe ich; aber Japan - pfui!! Manchmal fühle ich in mir einen gefährlichen Rachedurst.
Auf Wiedersehen!
Herzlich treu
Dein Eduard.

[re. Rand] Bitte um Angabe von Kurts Truppenteil!