Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. August 1914 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 30. August 1914.
Liebe Freundin!
Sie erhalten diesen Brief an dem Gedenktage, den wir sonst gemeinsam begehen konnten, erfüllt von dem immer reicheren persönlichen Inhalt, den er für uns gewann. Es ist mir schwer, diesmal auf ein solches Beisammensein zu verzichten; aber zugleich muß ich doch bekennen, daß auch diese Wendung der Dinge eine Steigerung ist, und wenn wir leider auch dies Jahr mehr zu den Passiven gehören (ich wenigstens, Sie vielleicht nicht), so betrachten wir doch sicher alles Große und alles Tragische als ein Stück von unsrem Leben, von unsrem Herzen. Jeder fühlt sich, wie irgendwo mit Recht gesagt wurde, als Miterfinder der
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| 42 cm Geschütze. Und wer es auch sei, ist mit seinem Blut oder seiner Liebe beteiligt. Ihnen hat das Schicksal mehr Verwandte herangezogen; aber fühlen wir nicht alle, die ins Feld gingen, als unsre Brüder? Gott oder jener verborgene Weltsinn, der uns beide so wunderbar geführt hat, er führe auch weiter unsre nationale Sache. Ich habe ihm vertrauen gelernt, gerade weil er es oft nicht leicht gemacht hat. –
Vorgestern um 1/4 10 bin ich auf die Minute pünktlich hier angekommen, völlig unerwartet, weil die tags zuvor abgesandte Karte erst einen Tag nach mir eintraf. Mein Vater ist nicht jünger geworden, aber gesund. Er läßt Sie grüßen und bittet um Verzeihung, daß er Ihnen immer noch nicht geschrieben hat. Die Hitze ist hier erstaunlich, fast wie vorm Jahr auf der Reichenau. Gestern früh fuhr ich nach der Böhmschen Schule, wo der Unterricht wegen Siegesbotschaft ausgefallen
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| war; ich traf aber doch Willy Böhm u. gerade den alten Stamm des Kollegiums. Durch alte Straßen mit Fahnen ging ich dann nach den Linden, hörte dort die Siegesbotschaft aus Rußland am Kronprinzenpalais von Frl. Tuchels Schwester. (mit lebhaftem Gedenken an Hermann) Schließlich Frühschoppen bei Rademacher. Nachm. Neubabelsberg unangemeldet. Die Freude war unbeschreiblich.Riehl traf ich schon unterwegs. Der Krieg hat uns noch näher zusammengeschmiedet. R.s sind mir wirklich ein Hafen des Herzens. Um 1<fehlt: /> 2 9 war ich schon wieder zu Hause.
Eigentlich sollte ich jetzt (Sonntag früh) schon mit dem Schnellzug nach Leipzig abgedampft sein. Vielleicht kostet mir die Gier, den halben Tag noch auszunützen, eine Militärlokalszugfahrt von 3-11 nachts! Vielleicht aber kommt noch die Nachricht, daß ich morgen vorm kein Examen habe, dann bleibe ich bis morgen früh und kann noch mit dem Registrator in den Wald.
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| Über die Landsturmfrage herrscht ziemliche Ungewißheit. Aber ich bin glücklich, daß mich jetzt viel wichtigere Fragen bewegen, dieselben, die Wundt u. Riehl beschäftigen: Was wird nach dem Frieden? Ich suche mir allgemein politische Anschauungen (d. h. konkrete Bilder) zu verschaffen und lasse allmählich die neue Ethik herauswachsen, die - wenn das Konzipierte gelingt - zum ersten Mal aus dem konkreten Leben ein sittliches Teilgebiet mit voller Bewußtheit herausarbeiten würde. Wie das mit dem Frieden zusammenhängt? Gewiß nicht so sichtbar. Aber was soll werden? Wird Bethmann der Situation gewachsen sein? Und die Diplomaten? Um zu wissen, was wir in Zukunft halten können, müssen wir wissen, wodurch wir gesiegt haben. Dies aber ist nicht die Nationalitätsidee, sondern die im Staatsgebäude konzentrierte Energie und Kulturarbeit. Wo wir mit der nicht hinkönnen, haben wir auf die Dauer nichts zu suchen. cf. Kiantschou. - Nun, mein Geliebtes, einen innigen Gruß zum 31.VIII. Wollen wir verabreden, daß wir vom 12. - 20. Oktober auf der Reichenau sind? Viele Grüße auch der Tante! In treuer Liebe Dein Eduard.