Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. September 1914


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5. September 1914.
Mein liebes Kind!
Durch Deinen lieben Besuch und die Zeilen aus Berlin hast Du alles für mich getan, was Du in diesen Tagen für mich tun konntest. Wenn trotzdem etwas Fremdartiges mitschweben sollte, so liegt es nicht zwischen uns, sondern in der Verwicklung der Sache. Diese ist so groß, daß ich zum ersten Mal keine Worte fand, um sie Dir in ihrer ganzen Wirkung auf mich auseinanderzusetzen. Brieflich wird es natürlich noch viel weniger gehen, zumal Du nach den Aufregungen und Anstrengungen der letzten Zeit doppelt sensibel bist und leicht einen Ton heraushörst, der nicht drinliegt. Trotzdem muß ich es versuchen.
Ich bin trotz aller Reflexion im Grunde Instinktmensch geblieben für die feinsten und
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| wichtigsten Angelegenheiten. Und so fühlte ich dunkel, daß alles in mir noch zu verworren war, um mich zu Dir ganz aussprechen zu können. Seit Du fort bist, bin ich ein wenig weitergekommen, und ich kann jetzt besser sagen, was mir eigentlich auf dem Herzen liegt. Zunächst das zwischen uns:
Meine eigentümliche Kraft lag bisher darin, aus jedem Erlebnis einen geistigen Standpunkt zu gewinnen, der mir ein Gefühl der Herrschaft gab. Das Zusammensein mir Dir hat mir oft geholfen, diese Arbeit zu vollenden und in mir selbst klarer zu werden. Unsere Begegnungen (von gewissen dunklen Zeiten abgesehen) waren daher immer auf den Ton gestimmt, daß ich mich Deiner würdig fühlen konnte eben durch diese Leistungen und deshalb Dein liebevolles Eingehen als ein mir zu Recht Gehöriges annehmen durfte. Diesmal war in mir dieses Herrschaftsgefühl noch ganz unentwickelt: es war in mir dunkel und gänzlich unausge
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|goren. Und dazu kam - warum soll ich nicht auch diesen häßlichen Zug beichten - ein starkes Gefühl von Neid gegen Deine Brüder, die in dieser Zeit ihr Leben ganz anders ausfüllen. Ich hatte das Gefühl, daß Du Ihnen jetzt mit viel größerem Rechte gehörtest, wie es ja denn auch unvermeidlich war, daß alle Deine Gedanken bei ihnen waren. Wenn ich nun in mir selbst stark und fest gewesen wäre, so hätte ich Dir gerade in dieser Hinsicht eine Stütze und ein Trost sein sollen. Ich fühlte, wie wenig ich das konnte, wie wenig ich in allem ich selbst war, eben bis zu jener Unfähigkeit, mir über diesen ganzen Zustand Rechenschaft zu geben. So geschah das mir selbst Unbegreifliche, daß ich Dich nicht bat zu bleiben, aber es geschah aus einem gesunden Instinkt. Deine reiche Liebe soll sich nicht an jemanden verschwenden, der ihrer auch nur im Moment minder würdig ist. Ich fand es selbstverständlich, daß Du zu Hermann reistest, und ich werde es unter anderen Verhältnissen
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| wieder selbstverständlich finden, daß ich Dich bitte zu mir zu kommen, ebenso wie ich in dem Augenblick käme, wo ich wüßte, daß ich Dir etwas sein könnte. Dieser Augenblick war jetzt nicht. Ich hatte eine Art Sehnsucht nach dem Mauseloch, und auch jetzt ist die Zeit zum Emportauchen noch nicht gekommen. Der Abend nach Deiner Abreise war vielleicht einer der innerlich schwersten, die ich lange durchgemacht habe, etwa so wie jemand, der fühlt, daß Gott ihm eben seine Hand zur Hilfe gereicht hat, er aber nicht einmal den Rest an Kraft gehabt hat, sie zu fassen.
Deutlicher kann ich mich jetzt noch nicht aussprechen. Ich rechne auf Dein Verstehen, und will heute auch weiter nichts hinzufügen vom täglichen Leben, das für mich ist wie ein Schattenspiel. Nur dies: auch Nieschling ist mit dem XI. Corps nach Rußland. Seine Karte hatte eine Ansicht von Cassel. Oesterreich schreibt merkwürdig mißvergnügt und lau über den Krieg. Es ist eben in uns allen chaotisch, beim einen so, beim andern so.
In der Gewißheit, daß Du mich ganz begreifst bleibe ich mit der Wärme und Treue meines ganzen Herzens Dein Eduard.

[re. Rand] Der Teufel plagt Frau Salomé, daß sie jetzt kommen will. Ich brauche so viel Sammlung!