Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. September 1914 (Leipzig, Grassistr. 14)


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<Stempel:>
Professor Spranger
Leipzig, Grassistr. 14.
20.9.14.
Liebe Freundin!
Wenn man gewöhnt ist, in einem andern den untrüglichen Spiegel seines besseren Selbst und die Deutung seiner echten Bestimmung zu finden, so erwartet man in Zeiten unentschlossenen Schwankens eine klare und eindeutige Antwort. Es ist begreiflich, daß man umgekehrt mit sich allein fertig werden muß, wenn man auf einem Raum von 8 Seiten vorn das Gegenteil von dem findet, was hinten als notwendig ausgesprochen wird. Darin soll kein Vorwurf liegen, sondern eine einfache psychologische Tatsache ist damit bezeichnet.
Angewandt auf den vorliegenden Fall: Entweder bin ich kriegstauglich - dann hätte ich mich längst als Freiwilliger melden müssen; oder ich bin es nicht - dann bin ich auch nicht
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| für den Landsturm tauglich. Oder von andrer Seite gesehen: Entweder hat meine geistige Arbeit einen nationalen Wert - dann ist alles, was ich militärisch leisten kann, dagegen geringwertig; oder sie hat keinen - dann müßte ich längst im Heer sein und nicht erst den Zwang abwarten.
Beide Alternativen haben Sie nach beiden Seiten mit ja beantwortet, in dem Sie mich erst für kriegsuntauglich erklärten, dann aber mir den Ernst der Landsturmpflicht ausmalten, erst meine sonstige Bestimmung hervorhoben, dann aber die Pflicht zur untergeordnetsten Dienstleistung ebenso hoch stellten. Ich habe mich da nicht hindurchfinden können. Ein Unterschied zwischen Landsturm und Heer, den Sie vielleicht dabei annahmen, besteht erstens an sich nicht: weil der Landsturm tatsächlich außer Landes und ins Gefecht kommt; zweitens für mich nicht: denn was ich nicht leisten kann, ist nicht das Verwundet- und Erschossenwerden, sondern eben der rein physische Dienst. Ob eine solche physische Beschaffenheit als Schuld empfunden
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| werden kann, ist mir zweifelhaft. Bisweilen sage ich dazu ja. Jedenfalls aber ist sie ein schmerzlicher, den Wert des Lebens herabsetzender Mangel.
Dasselbe noch einmal deutlicher: Wenn Kriegsdienst die und meine höchste Pflicht ist, so können Sie nicht sagen, daß ich unbefangen arbeiten soll, bis der Landsturm einberufen wird; denn dann müßte ich jetzt schon mit physischer Trainierung, Reiten, Turnen etc. beginnen. Wenn aber die geistige Arbeit meine Pflicht ist, dann ist sie es nicht auf Widerruf, so daß morgen das Gefangenenbewachen höher steht, sondern dann ist sie es eben wirklich. Und was mir in irgend einer Hinsicht eine Gewißheit geben wollte, das müßte sich eben hierüber eindeutig erklären.
Sie können nicht einwenden, daß die Sache nicht in meiner Entscheidung läge. Denn tatsächlich hängt sie nur von meiner Entscheidung ab. Ja eher umgekehrt als bei anderen liegt die Sache: Universitätsprofessoren gelten als unabkömmlich. Zur freiwilligen Meldung ist in einem Falle bei uns sogar die Genehmigung versagt worden. Wenn
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| also der Landsturm meine Pflicht ist, so ist es Zeit, daß ich mich entschieden dazu melde. Denn wenn er einberufen wird (normalen Falls im Januar) so bin ich mitten im Semester und dienstlich gebunden. Treten aber unnormale Fälle, d. h. eine erneute Gefährdung des Landes ein, so versteht sich von selbst, daß man nicht zurückbleibt.
Bis hierhin bin ich in der Lage, den Fall zu erörtern und mich auszusprechen. Was darüber hinaus folgt, mag ich selbst dem nächsten Freunde nicht bekennen. Derartige Dinge rational zu erwägen ist eben an sich eine Schwäche, und meine Kriegsuntüchtigkeit beginnt schon damit, daß ich neurophysisch dem nicht gewachsen bin. Sonst säße ich eben nicht mehr zu Hause.
Da ich nun aber zu Hause sitze, so schlägt das Mißvergnügen an meiner eigenen Existenz in ein allgemeines umproduktives Mißvergnügen um. Ich sehe mit herber Deutlichkeit gerade die Seiten der jetzigen Menschheit, die mein ganzes Bemühen zu einer doppelten Illusion machen. In mir Worte, nichts als
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| Worte hohen Klanges; die Taten bei andern, die nicht reden; und wieder andre gemein wie Tiere trotz aller hohen Worte. - Die Lage ist doch so, daß man durch Verbesserung der Stimmung allein nicht herauskommen kann.
Meine Tätigkeit ist infolgedessen sprunghaft und ohne Glauben. Klarer als je liegen die Umrisse - nicht eines Systems, sondern des "Lebens in Gedanken gefaßt" vor meinen Augen. Der notwendige Fortschritt von den "Lebensformen" zu der "Form des Lebens" ist beinahe vollzogen. Es fehlt nur die feine begriffliche Durcharbeitung der wirklich allseitigen Konzeption. Aber was hat es für einen Sinn, neben das so stark pulsierende Leben noch einmal seinen gedankenhaften Schatten zu setzen.
Auch sonst fühle ich Inhaltslosigkeit in meinem Dasein: von den Menschen hier kann mir kaum einer etwas geben. Der pädagogische Kreis aus Berlin, auf dessen
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| intensive Pflege ich so viel Jahre verwandt habe, erweist sich als gänzlich ertraglos. Ein Irrweg wie mein ganzer Weg zur Pädagogik, der immer substanzloser wird. Frau Salomé, die kommen will, ist mir wie das Gespenst einer mißverstandenen Vergangenheit.
Von meinen Schülern erhalte ich manchen Gruß aus dem Felde. Einer, dessen Diss. seit 1/4 Jahr bei mir liegt, ist als Leutnant gefallen. Ich will für seine posthume Promotion sorgen.
Jetzt - Sonntag 6 Uhr - will ich in die "Meistersinger". Wenn Sie mich kennen, fühlen Sie, daß das nicht normal ist. Ich muß aber deshalb bald abbrechen und will nur noch ein praktisches erörtern: Eigentlich wollte ich so um den 25. nach Berlin kommen. Das klingt sehr merkwürdig, ist aber verständlich: wenn sie gerade dort sind, will ich es lieber nicht: denn wir hätten voneinander sehr
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| wenig und mein Vater würde denken: seinetwegen hätte ich nicht kommen können, nun aber Sie dawären, ginge es auf einmal. Also will ich (falls ich nicht vor Frau S. ausrücken muß) lieber später kommen und dann Anfang Oktober etwa 4 Tage nach Cassel.
Ich hoffe von Dir, mein Liebes, daß Du Dich in diesen meinen Wesensschwierigkeiten zurechtfinden wirst und nun nicht etwa in Cassel - nicht für mich zu sprechen sein wirst. Glaube mir - es sind nicht Launen, sondern die schwersten Kämpfe, die ich durchmache, und der Kämpfende ist, wie man sieht, auch gegen Schuldlose oft nicht schonungsvoll. Sollte Dich dies jetzt treffen, so trage es bitte als eine Fügung der Zeit; es wird sich klären, aber es muß, wie auch das große Schicksal, jetzt durchgekämpft werden.
Mit treuen, innigen Grüßen (auch an Hermanns)
Dein Eduard.