Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. September 1914 (Leipzig)


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Leipzig, den 25.IX.14.
Liebe Freundin!
Ihr lieber Brief strotzt zwar von tatsächlichen Unrichtigkeiten und Verkennung der Sachlage. Doch habe ich im Moment keine Zeit, dies richtigzustellen.
Vielmehr zunächst eine dringende - politische Sache. Es handelt sich darum, den Senator Grassi womöglich zu einer deutschfreundlichen öffentlichen Äußerung zu bewegen. Unser Zoologe Prof. Woltereck reist mit Instruktionen vom Ausw. Amt nach Italien, auch nach Rom. Er kennt Grassi als Fachkollegen, möchte aber gern in s. Wohnung, resp. Familie, nicht bloß ins Institut kommen. Irgend ein Auftrag wäre ihm lieb, z. B. an die Tochter Läßt sich da etwas tun, vielleicht mit Vermittlung Knaps. Oder haben Sie die Beziehungen noch so aufrecht erhalten, daß sich durch die Linie H. - Sp. - W. - Grassi etwas herstellen ließe? Ferner Beiträge zur Psychologie Grassis ev. erwünscht. Dies geheim,
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| Antwort eilig! Bitte!
Nachrichtenteil. Der junge Rohn ist schwer verwundet zurück. [über der Zeile] L. Oberarm zerschmettert. Hoffentlich kann er erhalten werden und tritt keine Komplikation bei der sehr großen Wunde ein. Energie fabelhaft!
Auch sonst ist die halbe sächs. Armee mehr oder weniger verwundet zurück. Kann mich nicht überzeugen, daß nicht Fehler gemacht worden sind. Gegenwärtige Lage unklar, Gerüchte mannigfach. Man spricht von Schlesien!
Daß ich mich nicht als Freiwilliger gemeldet habe, erscheint mir nachträglich doch berechtigt. Der körperlich robuste Kollege Bergmann nach 3-4 Wochen Ausbildung infolge Überanstrengung schweres Augenleiden, dienstunfähig. Ein andrer Kollege meiner Natur ebenfalls abgewiesen. Unteroffizier: "Nu, den Wech hätten sie sich auch sparen können!"
Hier allseitige Verstimmung wegen Verhalten des Rektors in Sachen der nationalen Vorträge. Habe, da das Kuratorium der Frauenhochschule Volkelt nicht aufzusetzen vermochte, meinerseits privatim Beschwerdebrief geschrieben.
Ich übernehme im Winter an der Frauenhochschule
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| 2 Vertretungen, wenn nichts dazwischen kommt.
Arbeit schreitet garnicht fort. Habe allgemeinen Artikel von 30 Quartseiten geschrieben, aber, unzufrieden, unterdrückt. Daß es innerlich nicht schnell vorwärtsgehen kann, darüber bin ich nicht unglücklicher als es sein muß. Denn ohne tiefe Schmerzen wird nichts geboren. Wird wohl auch mir nicht möglich sein, mit der Cigarre im Maul täglich 10 Folioseiten schreibend (wie bei den Lebensformen) das Große und Unerhörte zu deuten und zu gestalten. Leider bin ich selbst sehr inkonsistent, immer wieder abgelenkt, schaffe im Grunde nichts, nicht einmal die Korrespondenz.
Mit der kleinen Persner war ich einen Nachm. in Halle (Giebichenstein), einen andern zu Fuß in Raunhaf, bin auch mit Rohns spazieren gegangen.
Dr. Rühlmann von hier (nach dem ich von hoher Warte mit Steinen schmiß) ist aus engl. Kriegsgefangenschaft zurück. Erzählt viel Interessantes. Die Kriegsgefangenen in Plymouth haben seine 3 Bücher: Delbrück, Lebensformen und noch was, rundum gelesen. Unser Dekan, der
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| Schnüffelfischer, war auch dabei u. ist jetzt zurück (kam v. Marokko.)
Aus dem Felde längere Zeit nichts. Letzte Nachricht, die ich mitschicke (bitte zurück) zeigt, wie weit wir zurückgegangen sind.
Die Zeit rennt; was mag sie in ihrem Schoße bergen. Ich habe das Leben nie rosig gesehen; aber die Entsetzlichkeiten, die Verstümmelungen u. Wunden, ertrage ich kaum in Gedanken.
Frau Salomé, weibliche Eigenart, trotz Briefen u. Telegrammen noch nicht da. Will Sonntag kommen. Ich habe ihr zu Montag geraten u. fahre vielleicht Dienstag nach Berlin. Es sind aber immer noch einige Examina.
Wie verließen Sie Hermann und wie fanden Sie Ihre Schwester, Frau Lietze? Bitte allerseits zu grüßen. Sollten Sie für m. Vater Zeit haben, der jeden Brief nach Ihnen fragt, so berichten sie bitte über Inhalt dieses. Man schreibt immer dasselbe.
Obwohl Sie mit mir überzeugt sein werden, daß Sie prinzipiell Unrecht haben, so hoffe ich doch, daß Sie mit mir mehr Geduld haben werden. Die Kräftigkeit (oder Grätigkeit) ist sozusagen der letzte Rest Aktivität u. Lebenskraft, die ich in mir habe. Wo sollte ich sie lieber absetzen als bei Dir, mein Einziges und Geliebtes? Gott gebe uns bald bessere Tage! Keine Nachrichten von Kurt? und von wo? etwa Breslau?
Treulichst Dein Eduard.