Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 04. Oktober 1914 (Leipzig)


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Leipzig, den 4. Oktober 1914.
Liebe Freundin!
Es ist eine Zeit großer Erschütterungen und anscheinend wenig geeignet zur Beschäftigung mit sich selbst. Aber wenn diese Erschütterungen bis in das Persönlichste hinabreichen, so bleibt keine Wahl, als sie zu beachten. Mancher mag jetzt Entschlüsse für seine zukünftige Lebensführung fassen; es ist nur recht, wenn ich als geistigerer Mensch meinen ganzen Lebensbestand jetzt schärfer prüfe. Selbst wenn ich es nicht wollte - ich müßte es.Bitte im Original prüfen, ob hier eine (schließende) eckige Klammer ist bzw. von wem. Eine gewisse Unklarheit, die zwischen uns herrschte, ist nur die Folge dieser inneren Unsicherheit. Wer überhaupt Hilfe braucht, braucht in dieser Zeit doppelte. Vielleicht, wenn Sie hören, was ich gestern und heute erlebte, können Sie mir helfen.
Ich war gestern noch einmal in Neubabelsberg. Frau Riehl hatte besonders darum gebeten. Weil sie
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| sah, daß ich eine Stütze brauchte. Niemals nun hat mir ein Mensch mit größerer Sicherheit meine innere Situation auf den Kopf zugesagt: Ich habe eine Anlage zur Negation und zur Schärfe, aber im Grunde sei ich zur Produktivität bestimmt und geneigt zu helfen, wo etwas werden wolle. Es wäre ihr leid, wenn das Negative emporwucherte und das Warme in mir erstickte. - Dies alles mit Worten, die so genau meinen Zustand trafen, daß sie ihn im selben Augenblick auch lösten. Ich war allein durch dies Verstehen wie befreit. Denn eine finstere, ablehnende Stimmung kam in mir empor und bedrohte alles, was bisher in mir feststand. - Fast noch merkwürdiger aber war das folgende: Sie glaube eigentlich, daß ich nicht immer akademischer Lehrer bleiben würde, sondern ins Unterrichtsministerium gehen, weil ich Talent zum Organisieren hätte und dort etwas Produktives leisten könnte. Daran habe ich nun zwar in der letzten Zeit nicht mehr gedacht, zweifelte auch längst, ob es für mich das Richtige wäre; aber es lag doch in meiner ursprünglichen Tendenz (wie ich Münch s.Z. gesagt hatte) und es hatte für mich etwas höchst Überraschendes,
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| daß ein Mensch etwas so sicher fühlen konnte, worüber ich ihm nie Andeutungen gemacht hatte.Über diesen Zeilen sind auf der Briefkopie mehrere nicht lesbare Anmerkungen.
So ging ich höchst gestärkt und in wichtigen Überzeugungen fest von Klösterli fort, in der Absicht, bei Frau Salomé diesen Standpunkt gleichsam unerbittlich zur Geltung zu bringen.
Dort aber sollte sich nun das Wunderbare fortsetzen. Die Entdeckung unsrer Differenz begann mit den Kriegstagen. Ich betrachtete sie als Wirkung eines verschiedenen Nationalgefühls. Sie aber behauptete, sie "schenke" diese Differenz der Weltanschauung, es sei da etwas fundamental Verschiedenes, nicht bloß durch den Krieg Hervorgerufenes. Die folgende Auseinandersetzung kann ich nun nicht wiedergeben, weil wir von der scheinbar ungeeignetsten Ecke herkamen: dem Leben des Kindes,Bitte im Original prüfen, ob „dem Leben des Kindes“ unterstrichen ist (und von wem). weil sie sich an Gestalten ihrer Novellen anlehnte und weil wir bereits vor meiner Reise einzelnes angesponnen hatten, was ihr Gefühl der Verschiedenartigkeit bestärkte. Außerdem war ich sehr müde (geistig) während sie eine Ausdrucksfähigkeit hat, die ich bei keinem Menschen (am wenigsten Kollegen) so fand.
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Warum ich Ihnen das schreibe? Weil im Ergebnis dieser Gegensatz derselbe ist (oder sich als derselbe erwies) über den wir Jahre hindurch diskutiert haben. Kurz gesagt also dies: das Kind ist in seiner Welt im Recht, ja klüger als der Erwachsene, weil es sich noch mit allen Dingen eins fühlt, keine Entgegensetzung, kein Sonderleben in sich kennt. Der Erwachsene versteht das Kind nicht wegen seines geteilten Daseins; aber d auch er sollte die kindliche Welt in sich bewahren, weil eben dies der letzte Sinn ist, in allem trotz seiner Vielspältigkeit, im Leben trotz seiner Zerrissenheit das Einssein mit allem Wirklichen dauernd als gegenwärtig zu fühlen.
Darin nun stimmten wir überein, daß man das Kind in sich erhalten müsse. Dies hat uns zusammengeführt. Aber es war eine scheinbare Identität der Weltanschauung. Denn bei mir wird daraus ein Trotzdem, ein rein innerlicher Besitz, der vielleicht erst in einer höheren Stufe der Vollendung sein Erfülltsein findet, - ich bin also Dualist bis zum Transcendenten im Sinne der Überlegenheit der inneren Kraft über alle Dualität -, während sie das alles als gegenwärtig fühlt, garnicht als ein Gegenüberstehendes gegenüber einemunter „einem“ ist mit einem Fragezeichen nochmal „einem“ geschrieben. Vereinzelten. Es ist
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| der Gegensatz der Menschen Spinoza, Schleiermacher, Goethe, Hegel gegen Jacobi, Kant, Fichte. Am deutlichsten wird es an diesem Punkt: das Gefühl tiefster Einsamkeit ist für sie das des höchstens Naheseins zu allem draußen; für mich ein trotziger Abschluß, der durch die Flucht in die Erinnerung noch besonders charaktierisiert ist.
Sie sehen, es sind unsre alten Gegenstände, die hier wiederkehren. Aber mir war dies Gespräch tief eindrucksvoll, nicht nur weil das alles so fertig vor mich trat, sondern weil ich die große Echtheit und Wahrheit dieser Lebensform in ihr fühlte - es ist das alles nicht gedacht, sondern wirklich eine Art zu leben, voll großer Güte und Wärme, die man erst ganz spürt, wenn man den scharfen Geist vergißt, den sie in gleichem Maße besitzt.
Dies Gespräch hat mich seit langem wieder einmal bis ans Letzte geführt. Denn die Frage, die da auftaucht, ist naturgemäß die "Warum habe ich das alles nicht? - Warum kann ich dem wohl mit dem Begreifen folgen, aber nicht mit meiner ganzen Natur?Anführungszeichen fehlen! Am linken Rand ist ein Strich. Bitte im original prüfen, ob hier eine eckige Klammer ist, bzw. von wem. Zwei Antworten sind denkbar: die erste ist sicher z. T. wahr, daß nämlich die Frau all diesen
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| Lebensquellen viel näher steht, zumal die hochgebildete und künstlerisch begabte. Aber Goethe hat dies doch auch gehabt. Die zweite Antwort ist die, daß in mir irgend etwas nicht ganz zur Vollendung gekommen sein könnte, daß mein Lebensorgan wirklich nur partiell ist (wie das Kants) und daß deshalb bei jeder Erschütterung der Lage der Friede so leicht ausbleibt.
Oder sind sie vielleicht zwei Menschentypen, zwei Arten des Erlebens? So sagte Frau Salomé selbst; aber es war doch etwas Ablehnendes darin. Ich berief mich auf das, was ich immer gegen Dilthey gesagt habe: wer den objektiven Idealismus u. den Id. der Freiheit versteht, sei über beide hinaus. Sie aber meinte, wenn man etwas als etwas "andres" als sich selbst verstehe, so sei man eben nicht drin und stehe ihm noch gegenüber.
Trotzdem möchte ich sagen: Jetzt erst sehe ich mit Bewußtsein diese Grenze meiner Natur. Die zunehmende Kühlheit gegenüber dem Leben ist etwas, worunter ich selbst leide, ohne mir helfen zu können. Ob nicht vielleicht doch die Quellen, aus denen ich ganz lebendig werden könnte, irgendwie verstopft sind?
Seltsam, daß ich auf dem alten lieben Wege
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| von Tegel nach Hermsdorf, wo einst die "Kraft des Ringes" entstand und wo ich auch diesmal wieder wie durch Zauber des Ortes in die letzten Tiefen untertauchte, zu dem Lichtblick kam: es geht nicht weiter ohne Metaphysik oder - der Name ist unerheblich - ohne Religion. Und um so seltsamer, als ich von methodischen Fragen der Geisteswissenschaft aus dazu kam. Ich bleibe dann immer vor dem Abschluß stehen, wie vor einem letzten freudigsten Genuß. Aber die Ahnung blitzte doch auf, daß das Leben zuletzt aus einer Quelle begriffen werden müsse und daß alle Spaltungen in ihrem letzten Sinne nur Ströme sind, die zusammenstreben. Das aber ist noch unfertig; und gerade das Motiv der Macht, das mir unter den Leitmotiven der Lebenssymphonie z. Z. das Wichtigste ist, meist nicht unmittelbar Dasein. Auch die Wissenschaft, wie ich sie verstehe, handelt eben von dem "anderen". Wirtschaft, Gesellung, Kunst, Religion sind "Länder", führen das Subjekt ins Gesamtleben jedes auf seine Art zurück. Die Macht aber ist exklusiv und weist auf ein neues Motiv hin, auf ein im Schoße des Allgemeinen sich Losringendes Individuelles.
Ist es meine Schuld, daß ich das Individuelle
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| so stark empfinde?
Meine Idee der Humanität, mit den Momenten der Universal. Über „Universal.“ steht wieder etwas Unleserliches. u. Totalität, liegen dem Gedankengang der Frau S. m. E. nicht so fern. Aber die unaufhebbare Individualität u. die Herabsetzung der Realität setzen ein Neues. Und beides wird in mir eher stärker als schwächer. Eben dies beides: Zurückziehen in sich und Negation, Frau Salomé und Frau Riehl. Wenn weiter nichts daraus folgt, so folgt wenigstens die Einsicht in den Tatbestand. Beides hat mir großen Eindruck gemacht.
Frau Salomé beschäftigte sich lange mit m. Exlibris. Sie suchte die Deutung. Warum, werden Sie jetzt verstehen. Das Herauswachsen aus der Hand war ihr ebenso auffällig wie Ihnen damals.
Kurz - es ist einmal wieder eine innere Krisis. Werden Sie mir da heraus helfen?

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Fortsetzung 7.X.14.
Schon am Tage, nachdem ich diese beiden Bogen geschrieben hatte, war ich mit dem Problem innerlich eigentlich fertig. Der Standpunkt der Frau Salomé ist im Grunde doch nichts, als ästhetische Weltauffassung, aus der kein aktives Verhalten zur Welt folgt (wie auch die Tatsachen zeigen.) Das Sicheinsfühlen ist ein liebenswürdiger Gemütszustand, der über die Dinge einen Schleier von Innerlichkeit verbreitet. Aber ich bleibe dabei, daß diese Gefühle dem Menschen nicht mehr geben, als was er eben aus sich entnimmt. Ich bin daher entschlossen, bei meiner Realistik zu bleiben, die die konkreten Gestalten des Lebens verfolgt.
Und es ist wohl so, daß ich diesen Weg allein gehen muß, schon weil er in seiner speziellen Ausgestaltung neu ist. Die Individualität geht niemals restlos im All auf, sondern fügt ihm etwas Neues hinzu, das eben deshalb unverlierbar ist. Ich vermag mich beim Gegebenen schlechterdings nicht zu beruhigen.
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| Über die Vorsehung habe ich ebenfalls meine eigenen Gedanken, obwohl ich sie nicht aus dem Regenbogen ablas.
Herr Sanborn scheint eigentlich auch nur Materialismus und Idealismus zu kennen, als ob dieser Weltkampf ein Kampf der Philosophieprofessoren wäre. Deutschland kämpft auch um Materielles. Das ist überhaupt nicht trennbar. Von hohen Gedanken allein kann eine Nation nicht leben.
Von Nieschlings Dekoration habe ich nichts gelesen.
Es ist eine allgemeine Zeit des Sterbens, auch im Civilleben: Frl. Thümmels Mutter, der Vater v. Wilhelm Willige. Ich schreibe nur immer Kondolenzen. Die Zahl der gefallenen Studenten etc. ist ungeheuer. Ich bleibe dabei, daß die sächsischen Truppen mindestens bis zur Niederlage exponiert waren.
Aber es leben noch genug, die promovieren wollen. Infolgedessen habe ich außerordentlich viel zu tun. Das Semester scheint garnicht so still zu werden, um so weniger, als ich
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| 4 Wochenstunden an der Frauenhochschule hinzuübernommen habe.
Leider kann ich wegen dieser mannigfachen Arbeiten am Freitag noch nicht kommen. Hoffentlich ist es am Montag möglich. Da es sich ganz plötzlich entscheidet, werde ich depeschieren.
Auch mir liegt an einem wirklichen, ruhigen Sprechen unendlich viel. Mit bloßen allgemeinen Gefühlen ist in so stark bewegten Zeiten nichts getan. Es kommt darauf an, die Eindrücke wirklich produktiv zu verarbeiten. Niemand kann dies ganz allein. Er kommt immer auf tote Punkte, wo ihn ein andrer durch "Verstehen" forthelfen muß. Es ist wohl "der Vergangenheit würdig", ja nur ihrer würdig, wenn ich den Anspruch auf dies Verstehen an Sie stelle. Ich führe einen aufreibenden Kampf um meine innere Existenz. Ob ich noch eine neue Phase meiner Gestaltungskraft erlebe, oder aber in das Mittelmaß eines Docenten der Philosophie zurücksinke, das hängt zum großen Teil auch von Ihnen ab.
Die Pädagogik ist mir dabei eine ziemliche
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| Last. Die Kleinkinderei hat mir im Grunde nicht viel Zuwachs gebracht.
Von allen konventionellen Besuchen, für die ich jetzt weniger Geduld habe als je, wollen wir bei meiner Anwesenheit in Cassel absehen. Ich brauche auch Ruhe; denn im Grunde gehe ich ohne Erholung in ein langes Semester, das seine ganz besonderen Anforderungen stellen wird.
Ich schreibe für heute nichts mehr. Bitte grüßen Sie die Tante vielmals.
Im Vertrauen auf eine gute Begegnung grüßt Dich mit herzlichen Wünschen
Dein
Eduard.