Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Oktober 1914 (Leipzig)


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Leipzig, den 19. Oktober 1914.
Mein liebes Kind!
Nun bin ich wieder an Deinem Schreibtisch und eigentlich schon mitten drin in dem neuen Semester, das anscheinend garnicht so still werden wird. Ich habe eben die Disposition zu dem Kolleg über Phil. der Geschichte gemacht, das ich seit 3 Jahren nicht gehalten habe. Sie war in 1/2 Stunde fertig, und ich sah dabei, daß ich über einen ganzen Kosmos von Gedanken souverän verfüge, mehr, als in ein Semester hineingeht. Auch sonst finde ich mich zum Bewußtsein meiner Stärke zurück. Die Beilagen und etwas, das ich schon vor der Casseler Reise geschrieben habe (folgt später) werden Dir beweisen, daß ich nicht eigentlich aus der Bahn meiner objektiven Überzeugungen geworfen war. Die Krisis war, wie mir jetzt deutlicher wird, eigentlich rein persönlich. Denn ich fürchtete, daß die von der Zeit verfügte jetzige Umwertung mich in Deinen Augen als minderwertig erscheinen lassen könnte, verglichen mit Deinen Brüdern. In der Tat werde ich nie dahin kommen, Deiner in vollem
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| Sinne wert zu sein. Habe ich doch Deine Größe (auch Frau Riehl brauchte von Dir diesen Ausdruck nach dem ersten Sehen) wieder so tief empfunden, daß mein eigner Zustand mit seiner unausrottbaren Ichbetonung mir daneben erbarmungslos unwürdig erschien. So kam eine gewisse Verstocktheit und ein Trieb zum Zerstören dessen, was am Heiligsten ist. Gibt es dafür eine Entschuldigung, so ist es allein die, daß auch dies aus einem Grunde von Liebe emporwuchs. Eifersucht ist vielleicht die häßlichste Form von Liebe, aber doch auch eine.
Oder um genauer zu reden: Daß Du um mich menschlich und freundschaftlich besorgt wärest, daran konnte ich natürlich niemals zweifeln. - - - -
- - - Eben zieht in endlosem Zug ein langes, blumengeschmücktes Regiment (eben fertig geworden) h vor meinen Fenstern vorbei an die Bahn. Ich stehe am Fenster, noch den Federhalter in der Hand. Das macht mir das ursprüngliche Gefühl wieder ganz deutlich: kann diese Feder jemals den Wert solcher Lebensopfer aufwiegen? Bin ich, als bloß geistige Existenz, Deiner in solchem Moment voll würdig? Ist es nicht nur Nachsicht, wenn Du mich von solchen Leistungen freisprichst? .- - - - Das waren
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| die lange quälenden Gedanken, und weil ich selbst fühle, daß mir da etwas fehlt, etwas ganz Wichtiges, deshalb wollte ich fortwerfen auch das, was ich habe, und deshalb schwankten in mir der Glaube an Menschen und Freundschaft. Nun aber bringe ich wie eine Kraft, die ich aus Deinen Augen getrunken habe, den Entschluß mit, ganz das zu sein,was ich kann, und die neue Wärme, die Du mir gabst, hinauszustrahlen in die Welt, wo sie noch immer gezündet hat, ohne daß sie wußten, woher mir diese Kraft und diese Wärme kam. Ich will und kann nicht teilnehmen am Zerstören, aber aufbauen will ich, so sehr ich es vermag. Und ich will mich jeden Augenblick fragen, ob er mich Deiner wert findet.
Es mußte wohl solche Schwankungen und solches Leiden geben, um diesen Weg zu finden. Es mußte wohl alles noch einmal geprüft und alles von neuem erkämpft werden. Das ist mein innerer Kampf. Du hast gesehen, wie ich darunter gelitten habe, und Du hast geholfen. Was Hermann auf den Dürer schrieb, das darf auch ich sagen:
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| Du halfst, wir danken.
Ob ich auch ich Dir jemals helfen kann? Fast zweifle ich daran, weil Du so viel höher und reiner dastehst. Es ist auch Dein Schicksal, immer mehr zu geben, als Du empfängst. Wenn es Dir etwas sein kann, zu wissen, daß ich dies fühle und mich nicht selbstgerecht beurteile, so liegt darin ein Geringes, was ich Dir zurückgeben kann. Rechthaberisch bin ich nur nach außen; innen aber wirkt alles tief und trägt seine Frucht. Deine Geduld ist nie unbelohnt. Der Umgang mit Dir macht mich weich und bildsam. Wärer er länger und häufiger, so würde wohl mein ganzes Wesen anders, das unter Bedingungen steht, die Du kennst. Der Alleinlebende verdistelt und verdorrt. Ich trinke aus den Quellen der wenigen Stunden, die uns geschenkt sind, und muß damit für eine lange Reise reichen.
Der Tante schreibe ich bald selbst. Heute will ich nur danken und grüßen.
Auch dies ist ein Symbol, daß Du von mir nunmehr ein neues Päckchen tragen sollst. Tu mir nur die Liebe und laß es nicht wieder - hängen. Sonst kommt die "weibliche Eigenart".
Über alle Worte Dein Eduard.

[li. Rand] Die Schreiber stehen mir nicht nach. Ich weiß nicht einmal, wie sie aussahen!!
[Kopf] Beilagen bitte gelegentlich an m. Vater weiterzuschicken.