Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. November 1914 (Leipzig)


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Leipzig, den 1. November 1914.
Liebes Kind!
Sie wissen wohl nicht, daß das Hasenköpfe sind, die Sie mir da geschickt haben, daß ich z. Z. Psychologie treibe und bei Ihnen die böswillige Absicht einer associatio per contrarium vermute: was soll das mit den Hasenfüßen, he?! Und um die Sache zu verstärken einerseits den gepanzerten Ritter, andrerseits den maulstarken Knaben! Soll ich mich dafür bedanken? Ich bedanke mich dafür!
Aber im Ernst - warum soll man nicht ehrlich sein? - alles ist ganz hübsch, bloß das Bild von Hals ist mir durchaus unsympathisch. Finden Sie das eigentlich schön, oder nur hübsch? Mein Vater würde sagen: es erinnert so an Blooker-Cacao .
Hiermit hoffe ich Sie einstweilen genug geärgert zu haben und komme nunmehr zu tatsächlichen Feststellungen: Ihre Briefe vom 21. 23. und 26.X. habe ich erhalten. Dazwischen fehlt doch wohl nichts - es wären 3.
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| Schicken Sie nur immer, was Sie von Kurt haben. Ich bin kein Unmensch, teile mit Ihnen alle Sorge und alle Freude, und liebe den Krieg am Donnerstag, wie er mir Mittwochs einfach unerträglich ist. Jeder hat so seine Tage.
Über die Idee dieses Krieges arbeiten sich in mir allmählich schärfere Gedanken heraus. Aber unser Elend ist, daß man solche langen Sachen doch nicht schreiben kann, zumal jetzt, wo wirklich die Arbeit kaum geringer ist als sonst. Mit einem Wort, so paradox es klingt: ich erwarte von ihm die Stärkung der internationalen Beziehungen, unter ganz allmählich, vielleicht erst in Jahrzehnten sich bildenden Garantien. Der Nationalstaat hat bei uns von 1789 - 1870 gebraucht, um fertig zu werden; der Weltstaat wird noch länger brauchen, um so viel länger, als ein Weltkrieg größer ist als ein Grenzkrieg. Gründe muß ich schuldig bleiben. Überhaupt beginne ich den Bau ganz von den Fundamenten. Wer die zersetzende Geistesarbeit ahnt, die ich leisten muß neben tausenderlei Fremdem, der weiß, daß ich täglich Leben verbrauche. Ich bin jetzt 3 Tage
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| hintereinander an der Pleiße bis Raschnitz gegangen. Heute kam ich fast wankend an, so hatte ich die alten Probleme in meinem Gehirn gewälzt. Eigentlich ohne Erfolg. Sie kennen dies Denken von allen Seiten der Peripherie ins Centrum. Die Intuition ist da; die Begriffe wollen sich noch nicht fügen. Immer wieder muß ich von der Kunst ausgehen, weil da eine gewisse Totalität steckt. Die Beziehung des lebendigen Subjekts zur gegenständlichen Welt ist hier eine andre als in der Wissenschaft. Das Subjekt gestaltet sich einmal den gegenständlichen Stoff zum Ausruck seiner Innerlichkeit. (Ausdruckskunst, auch subjektive Kunst.) Zugleich aber hat das Objekt sein Gesetz; nicht das wissenschaftliche Gesetz, das ist nur ein eingehender Faktor; sondern das Objekt hat auch seinen Gehalt, seinen Sinn, sein Leben, den allein die Kunst gibt, nicht die Wissenschaft. Worin besteht er? Die wissenschaftlich infizierte Kunst ist der nackte Realismus. Erst wo das Leben des Subjekts zusammenschmilzt mit dem Leben des Objekts (Leben immer im Gegensatz zur theoretischen Analyse), ist jene
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| Identität im Tiefsten erreicht, die ich ideale Kunst nenne. Die innere Form des Subjektes und die innere (?) Form des Objektes sind dann so eins, daß beide in einem dritten, nämlich dem Sinn gerade dieses Lebensausschnittes, verschweben. Aber das alles ist doch noch ohne Schärfe der Begriffe, alles voll von Metaphysik nebelhaftester Art.
Ich komme von einem anderen Punkte her. Jedes Lebensgebiet hat sein Ethos, seine partielle Idealität. Das Ethos der Kunst ist die Harmonie, die Form, die Lösung. Genau so vorhanden beim Ornament, wie bei der echten Tragödie oder der Symphonie. Und garnicht zu verwechseln mit dem wissenschaftlichen Ethos: dem System oder der geschlossenen Theorie. Hierfür suche ich nach garkeiner Formel: denn eben die Form ist spezifisches Erlebnis und nur in ihr selbst zu fassen. Aber woher stammt sie? Doch wohl nur aus dem Subjekt selbst, das eben seine Geschlossenheit, Gleichgewichtslage am Objekt ausdrückt. Und doch spielt wieder auch das Objekt mit seiner Gesetzlichkeit eine Rolle. Es ist doch nicht nur der geschlossene Gefühlsverlauf (nimm Beethoven) maßgebend.
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Das Ethos der Wissenschaft ist die Theorie, die das Erfahrene und die Gesamtheit der rein objektiven Zusammenhänge in einer höheren Einheit aufhebt. Das Ethos der Wirtschaft ist die Arbeit, die zwischen dem subjektiven Bedürfnis und den objektiven Gütern eine neue Synthese erzeugt. Das Ethos der Gesellschaft ist die Liebe, die Anschlußbedürfnis und objektive Verbände idealisiert. Das Ethos der Macht ist die Selbstbeherrschung (?), die die Sphären des Herrschens und des (objektiven) Dienens vereint in einem Sinne, der den Rechtsgedanken mindestens vorbereitet. Endlich das Ethos der Religion ist der Friede, der subjektiven Anspruch und objektiven Weltlauf aussöhnt. Nur der Friede ist eigentlichtotal, alles übrige ist noch isolierte Abstraktion. Das Ethos der Selbstvollendung und Selbstlosigkeit, der Selbstbeherrschung und Arbeit (Selbsterhaltung) lösen sich erst kombiniert zu einem Ganzen auf in diesem Überselbst, d. h. in Gott.
Was sind das alles für verworrene Anfänge! Und doch liegt in der Sache, die mich treibt, so eine geheimnisvolle Notwendigkeit. Betrachten Sie nur diese Liste der Bildungsideale - erschöpft sie nicht alle möglichen einseitigen Formen? ……
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1) Wissenschaftliches Bildungsideal:
formales                 –                materiales
(Funktionsbildung.)
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<gestrichen: Wort unleserlich> partielles      encyklopädisches       spezialistisches
universales
2) Ökonomisch-technisches Bildungsideal.
Tauglichkeit zu praktischen Zwecken.
wie oben!         Beispiele zahllos!
        Spencer, Bain.
         spezifisch englisch.
3) Soziales Bildungsideal.
Ideal der Nächstenliebe u. Selbstlosigkeit.
        /                   \
            menschlich           partiell-nationales.
4) Politisches Ideal:
der Machtsinn.
kombiniert mit 3) ergibt das Gerechtigkeitsideal.
5) Ästhetisches Ideal.
die innere Form.
a) als Ausdrucksideal.         b) als Totalität und Harmonie.
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6) Das religiöse Ideal.
faßt alle vorangehenden zusammen in der
Konformität mit dem Weltsinn und Weltgesetz:
das Leben als ein Takt im Weltrhythmus.
Darüber will ich Übungen abhalten - ein schönes Unterfangen.
Das größte Auditorium habe ich wohl doch wieder. In der Pädagogik habe ich wohl 200 jetzt, und hier wie im andern von vornherein den Kontakt, den mir die ernste Stunde gibt.
Um auf ganz andre Dinge zu kommen: ich habe eben meine Einschätzung gemacht. Mit den gemischten Gefühlen, die der Steuerzahler nun mal hat, sehe ich, daß ich 22500 M zu versteuern habe. Die tatsächliche Einnahme beträgt aber (die Berechnung der Deklaration geht nämlich nach andern Terminen) von X 13 bis X 14 beinahe 25000 M. Eigentlich zunächst nur ein Beweis meiner Arbeit. (Ethos II.) 180 Staatsexamina = ca 5000 M. 80 mündl. Doktoren u. 10 Dissertationen. Außerdem
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| beinahe 10000 M Kolleg und 1000 M Literarisches. Darin liegen natürlich auch nationale Verpflichtungen, denen ich nach Möglichkeit nachkomme. Ich will in den nächsten Tagen noch ein paar 100 M geben, wo es nötig ist. Schicken Sie also nichts. Es ist für uns gemeinsam u. wäre nur zweckloser Austausch. Denn was ich von Ihnen empfangen habe u. empfange, sehe ich symbolisch in allem, was mir gedeiht. Was ich bis jetzt gegeben habe, war nur unsre gemeinsame, nicht zustande gekommene Reise. Nun erst beginnt, was wir schuldig sind, weil uns das Leben so Schönes geschenkt hat, nämlich uns. Schöner bliebe es, etwas Behagen und Blut zu geben. Ist es Bestimmung, daß es nicht sein soll? Nein! Also ist es Pflicht für mich, so zu arbeiten, als ob da meine Bestimmung läge. Aber das ist so, als ob man nur Montags, [über der Zeile] Dienstags und Freitags lebte. Was soll man die andern Wochentage machen - verzweifeln?
Ich hätte noch tausenderlei Tatsächliches zu schreiben. Muß aber mal ein Ende nehmen.
Innig Dein
Eduard.
Herzliche Grüße in Cassel u. Heidelberg.