Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. November 1914 (Leipzig, Grassistr. 14)


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<Stempel: Professor Spranger
Leipzig, Grassistr. 14.>
22. November 1914.
Liebe Freundin!
Die letzte Zeit war ich äußerlich und innerlich in so angespannter Tätigkeit, daß ich das Schreiben von Tag zu Tag verschob. Es ist nur mein Trost, daß es Ihnen in Heidelberg ebenso ging. 11 Stunden Kolleg, Sondervortrag, literarische Arbeiten, Fortsetzung der eignen Probleme – die einzige Ablenkung vom Gefühl, am eigentlich Dringenden doch untätig zu sein.
Wenn man nun aber zum Schreiben kommt, so ist so endlos viel zu sagen, daß man von vornherein nicht hoffen kann, alles zu erledigen.
Das Schicksal der Familie Weise geht mir sehr nahe. Aber wenn man jetzt beim Unglück der einzelnen stehen bliebe, könnte man vor innerer Qual nicht bis zum nächsten Tage leben. Untätiges Mitleid ist immer verachtet [über der Zeile] nd. Man muß suchen, sich innerlich stark zu machen, d. h. zu gleichen Opfern wirklich innerlich bereit
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| zu sein.
In mir ist jetzt eine spartanische Entschlossenheit. Reden von Miesmachern und Leisetretern höre ich grundsätzlich nicht mehr mit an. Ein guter Ministerialrat aus Dresden und Volkelt fielen mir zuerst zum Opfer: als Sie in meiner Gegenwart die Friedensschalmei bliesen, warf ich ihnen inneren Landesverrat an unsern Kämpfen draußen vor. Ich will alle Kraft zusammenhalten, um dabei zu bleiben. Denn ich habe am Bilde andrer deutlicher als an eigner Erfahrung gesehen, daß "Objektivität" jetzt eine Krankheit ist, jedenfalls eine Eigenschaft, die man nicht haben soll.
Da sind Wundt u. Riehl ganz anders. Riehl wird am 6. Dezember hier sprechen. Wenn Sie kommen wollen, sind Sie freundlichst eingeladen. Nur zu Wundt am Mittag kann ich Sie leider nicht miteinladen. Ort: Frauenhochschule. Thema: Der Krieg u. die geistige Kultur.
Meine Vorlesungen bewähren durchaus dieselbe Zugkraft wie sonst. Nur ist es schrecklich, über den
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| Säugling zu reden. Ganz anders die Phil. d. Gesch. Ich gestalte sie sehr schwer; wer aber mitkommt, der hat was. Die Übungen habe ich sehr interessant und neu gestaltet; kann den Grundgedanken hier aber nicht entwickeln. Die Frauenhochschule macht mir Spaß, weil es so eine Art von 2. Aufl. der Töchterschule ist. Ich freue mich über den Biereifer u. die verdutzten Gesichter, wenn's ein Problem zum Knacken gibt.
Einen großen inneren Fortschritt habe ich gemacht, insofern ich zum ersten Mal in m. Leben Hegels Tendenz wirklich verstanden habe. Hermann war da schon 1902. Sie sehen, es geht langsam mit mir, aber durch Fleiß werde ich's schaffen. Gestern hab' ich auch den Walter Köhler gründlich recensiert. Sonst lese ich viel Politika. Am 14. Dezember spreche ich über nationale u. internationale Idee. Dieser Vortrag wird mutatis mutandis auch für Cassel in Betracht kommen.
Mein Famulus hat mich unterbrochen und damit meine Hoffnung, Vormittag einen
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| ausführlichen Brief zustande zu bringen, unterbunden. Also nur noch das Wichtigste.
Nach Mitteilungen seines Vaters hat Friedmann aus Kiew geschrieben. Er ist unverwundet mit s. Kommandeur und 150 Mann gefangen genommen worden. Von dort sollte er nach Pensa gebracht werden – 120 Meilen östlich! Über die Behandlung hat er nicht geklagt. Wie es scheint, wird es möglich sein, mit ihm in Verbindung zu treten.
Die politische Lage halte ich jetzt für günstiger als je. Die militärische abgesehen von Flandern ist wie sie sein kann. Wenn die Verluste nicht wären, wäre der Krieg für uns ein Gipfel nationalen Lebens. Aber denken Sie: Bomben in unserm Manzell!
Meinem Vater ging es ganz gut, als ich ihn sah. Wir waren zusammen bei meinem Onkel, mit dem wegen ausgelassener Besuche eine kleine Verstimmung eingetreten war. Natürlich auch Neubab. Die beiden Scholz leiden unter der netten Helene, die auch in diesen Tagen absolut Englandfreundlich zu bleiben vermochte.
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Der Sohn von Rohn macht in s. Befinden keine erwünschten Fortschritte. Die Wunde ist fast geheilt, aber der Knochen eitert, und das Fieber hält an. Ich sehe Frau Rohn nur sehr selten. Habe überhaupt keinen näheren Verkehr.
In Berlin sah ich auch Frl. Thümmel, deren Mutter, wie Sie wissen, gestorben ist. Sie hat aus diesem Anlaß dieselbe Erfahrung gemacht wie ich, nämlich, daß unsre Freundinnen u. Schülerinnen jedenfalls mit dem Ausdruck ihrer Anhänglichkeit absolut zurückhalten. Um so mehr erfreute mich ein unerwarteter Brief von Bertha Claaßen, die 10.XI.1909 die Maria Stuart spielte. Sie ist jetzt am Meininger Hoftheater und gedachte meiner als dessen, der ihr die erste Begeisterung für Schiller gegeben hat.
Den Aufsatz Salomé haben Sie z. T. besser verstanden als ich. Ihr ablehnendes Urteil trifft mit dem von Frau Riehlzusammen. Es ist viel Wahres und Schönes in den paar Zeilen, aber es steckt eine Lebensauffassung
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| dahinter, die man mindestens nicht zu haben braucht. Eine Art Realitätsflucht oder -verachtung. Nun entsteht aber gerade in der "Lücke" der Trieb zum eigenen Kunstschaffen durch das mächtige Einströmen einer neuen Realität in eine sich eben erst entdeckende S Individualität. Deshalb ist die Kunst dieser Zeit (cf. Giese) Ausdruckskunst. Dieses Wort haben Sie anders genommen als ich. Ich meine damit ein Plus von Subjekt und ein Minus von objektiver Gesetzlichkeit, also subjektive Kunst. Der Gegensatz ist Einfühlung in das Leben des Objekts. Die höhere Synthese: Aufhebung des Gegensatzes von subjektivem und objektivem Gehalt: Hermann u. Dorothea. Alle ideale Kunst.
Leider muß ich abbrechen u. zu Biermanns zu Tisch.
Was für Nachrichten haben Sie von Kurt und wie geht es Hermann?
Viele herzliche Grüße auch an
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| die Tante, Walther, Purr. Ich schreibe bald wieder.
Innig Dein
Eduard.

[] Ich bekomme jeden Tag Feldpostkarten von allerhand unbekannten Leuten.