Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. November 1914 (Leipzig)


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Leipzig, den 29. November 1914.
Liebe Freundin!
Eine Fleißprämie im Schreiben werden Sie zu Weihnachten auch nicht bekommen. Aus Heidelberg habe ich fast garnichts gehört; und wenn Sie viel Packete gemacht haben, dann waren es 4. Wir aber haben hier von Donnerstag bis Sonntag 40 Packete fertig gemacht, außerdem jede Woche 11 Stunden Kolleg gehalten, Reden eingelegt, Sitzungen, viel Korrespondenz, Zeitunglesen u.s.w. Kurz, wir befinden uns völlig auf der Höhe der Zeit, und hoffen, daß unsre getreuen Untertanen sich gefälligst überlegen, wann das Vielzutunhaben anfängt. Auch diese königlichen Zeilen schreiben wir unter dem Druck eines Brummschädels, der vom Schnupfen herrührt, und nach ein paar Nächten mit schrecklich aufregenden Träumen, in Erwartung von 2 Wochen, durch die kaum durchzukommen ist, weil wir
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| bekanntlich neben dem Beruf auch nach innerer Freiheit streben.
Zuerst die Geschichte von Alibaba und den 40 Packeten. Alibaba bin in diesem Falle ich. Es sollten 200 M ausgesetzt sein, so daß jedes Packet 5 M gekostet hätte. In Wahrheit sind ca. 230 M verkrascht worden - hoffentlich kommen sie an. Damit ich sie nicht im eignen Namen zu schicken hätte, forderte ich das Seminar auf, bei Beschaffung von Adressen, Waren, u. beim Einpacken zu helfen. Die Beteiligung war grandios. Man hielt es für wichtig, den größeren Teil der Arbeit auf die Damen abzuwälzen. Diese kleine Prüfung in Hausfrauentugenden führte zu folgenden Ergebnissen:
Fleiß Ia.
Einkäufe IIIb.                      
Inhalt jedes Packetes:
1 Stolle à 1 M.
1 Sardinenbüchse à 1 M.
1 Tafel Chokolade à 1 M
      oder "Rauchwaren" à 1,20 M.
              mit Streichhölzern.
2 Taschentücher (1 weiß, 1 bunt)
              zusammen 1,20 M.
1 Packet Cakes à 0,50
(außerdem für Teekinder 1 Taschenlampe
              à 2 M.)
Gundell eine Sammlung v. Unterschriften
1 Tannenzweig, 1 Pfefferkuchenherz
von den Damen.
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Einpacken        IIa.
Parfüm Vb.
(trotz meines Schnupfens drang es in mich,
verklebte mir Lungen u. Gehirn.)
Betragen (d. h. Orderparieren) Ia.
Die Herren konnten noch keine Censur erhalten, da ich sie größtenteils nach den Vorberatungen nicht wiedergesehen habe. Für 8 Packete fehlen bis dato noch die Empfänger. Es sollen nur Seminarmitglieder berücksichtigt werden.
Damit muß ich vor Weihnachten meine Liebesgabenkasse schließen. Denn die magere Kuh stiert mich erbärmlich an. Jeder Monat bedeutet eine Mindereinnahme von 1500 M. Außerdem habe ich verleihen müssen.
Es scheint mir das, nach der Methode Knaps, der geeignete Punkt, um den Vorschlag zu machen, daß wir uns ernstlich und wirklich zu Weihnachten nur Kleinigkeiten schenken wollen. Wir dürfen jetzt den Würdigeren draußen nichts entziehen. Ich bitte Sie also, "etwa Zugedachtes" an Ihre Brüder zu schicken. Bei Kügelgen habe ich denselben Vorschlag gemacht. Er hat mir aber geschrieben, daß er nur seinerseits von diesem System Gebrauch machen wolle,
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| im übrigen aber auf keine Änderung "Wert lege".
Gestern war Schröbler hier. Es war mir eine wahre Freude, diesen treuesten Menschen wiederzusehen. Freilich hat es nicht hindern können, daß ich, wie meist Sonntag Nachmittag, von einem Gefühl unsäglicher Einsamkeit ergriffen wurde. Es ist im Grunde keine Existenz, so ohne Freund, ohne Genossen auf den Eisfeldern einer Ideenentwicklung zu wandern, die, je objektiver sie wird, um so mehr mich nur als Mittel für ihre Selbstentfaltung braucht.
Daß Sie sich mit dem Vorstand jetzt noch weniger als sonst verständigen konnten, begreife ich wohl. Je individueller man ist, um so unmittelbarer erlebt man gerade den Krieg. Es muß das im Grunde jeder mit sich selbst abmachen, während einfachere Naturen jetzt doppelt nahe zusammenrücken. So kann auch die Tatsache, daß Sie schon früher die Stellung zum Kriege hatten, die ich erst jetzt erworben habe, mich nicht trösten, weil das eben ganz eigen und persönlich erworben sein wollte.
Die Rede, die ich in 14 Tagen halten soll, konnte ich noch garnicht in Angriff nehmen. Doch bin ich überzeugt, daß sie nicht wie die meisten Berliner eine
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| "trübe Rede in ernster Zeit" werden wird, sondern eine schwere Rede in ernster Zeit. Die meisten sind ja das Drucken nicht wert.
Ella Grassi hat von Woltereck geschrieben, daß ihr Vater, nachdem er den Beginn seiner Vorlesungen bis Mitte XI hinausgeschoben hatte, doch noch unisono ausgepfiffen wurde. Er zog es vor, in Ohnmacht zu fallen. W. schrieb mir nun einen 8 Seiten langen Brief mit Propekten; <gestrichen: Wort unleserlich> ich habe ihm geraten, sich an den Fürsten Bülow um seine Meinung zu wenden. Im ganzen halte ich fürs Frühjahr den italienischen Krieg für unvermeidlich.
In Kjellin finde ich garnichts von Kunst, sondern nur gesundeste Realistik. Ich habe aber auch sonst viel Gutes gelesen und finde, daß unsre Literatur besser ist als unsre Diplomatie.
Wenn ich noch was zu bieten hätte, würde ich mehr schreiben. Es wird mir aber ganz trocken im Halse, und morgen muß ich nach allerhand Seiten hin aktiv sein. Ich will also nur noch wünschen, daß Sie inzwischen günstige Nachrichten
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| von Kurt haben und über ihn ohne Sorge sein können. - An Georg Weise darf ich garnicht denken.
Bitte grüßen Sie den ganzen Strick- und Lesezirkel! Mit allen guten Wünschen in Treue
Dein
Eduard.