Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, Nov./Dez. 1914


St. Katharina.

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(In Erinnerung an den 13. April 1914.)
Ein Frühlingstag! – Die leuchtend blaue Flut
Des Bodensees, durch die wir Mittags fuhren,
Umhüllt schon dämmern; doch im Scheiden ruht
Noch unser Blick auf Mainaus sanften Fluren.
Dort das Geschütz, bei dem wir still verweilt,
Wie Kinder ahnungslos, und ganz versunken
In jenem Käfer, der den Sand zerteilt,
Schon im April von Maiendüften trunken –
Dann wandten wir den Schritt. Am Berge hin
Ging unser Pfad; aus tausend Knospen quollen
schon Lebenssäfte; – Bis aus St. Kathrin
Uns Sonntagsstimmen fromm entgegenschollen.
Dort saßen wir im grünumhegten Raum,
Rings um uns Leben, rings ein Frühlingstraum.
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Ich liebe dieses Ortes Sonntagsfrieden,
Vielleicht nur, weil er Deinen Namen trägt.
Denn was mir Heiliges die Welt beschieden
Und was mir rein ist, ward ihm aufgeprägt.
Von Sankta Katharina muß ich träumen
In dunklen Zeiten und in fernsten Räumen.
Verstehst Du ganz, mein Kind, den stummen Schmerz,
Wenn etwas Fremdes diese Welt bedroht,
Wenn eine Zeit von Waffen und von Erz
Den Frühling mir den Sonnentag umloht?
Ein jeder kämpft um seinen tiefsten Sinn;
Er nennt es Heimat; in dem einen Wort
Pflanzt sich des Daseins innerster Gewinn
Für jeden faßlich und zu jedem fort.
Du meine Heimat, Sankta Katharine:
Ich bin so eng nicht, daß die neue Zeit
Mir nicht in ihrem Heldenglanz erschiene,
Und nicht aus letzten Seelentiefen schreit.
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Ich bin ein anderer – wer? – ich weiß es nicht.
Aus dunklen Quellen strömt ein neues Sein,
Vielleicht ein besseres; manches Alte bricht
In sich zusammen, wie im Dämmerschein
Die Mainau fernblieb, doch die Reichenau,
Sie lag noch vor uns tief im Abendblau.
Laß das Insekt im Staube der Kanone,
daß sich so mühsam an das Licht gewühlt
Uns Sinnbild werden, daß um jede Zone
Des Lebens eine neue Brandung spült.
Laß jenen Abend in den stillen Schatten
Von St. Kathrin im Herzen auferstehn,
Laß uns in diesem Frieden nicht ermatten:
Wir müssen weit auf schmalen Dämmen gehn,
Bis fern vor uns in nachtumhüllten Wogen
Das liebe Eiland wiederum erscheint,
Das in der Zuflucht alter Kirchenbogen
Uns bis zum tiefsten Lebensgrund geeint.
Auf diesem Pfad, in nächtlichen Gefahren,
Fleh ich Dich an, o laß mich nicht allein!
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|Es dringt auf mich in wirren, wüsten Scharen
Ein Heer von feindlichen Gedanken ein.
Sei fest zum Kampf! Laß, was Dich sonst beengt
Und folge mir, wie einst, auf schwanker Spur!
Vielleicht erwächst, von dieser Not gedrängt,
In mir das Höchste, was die Welt erfuhr!
Viel tiefer fühl' ich, als die Freundin klagt,
Wenn nur ein halbes, dumpfes Echo schallt:
Noch einmal sei das Innigste gewagt,
Noch einmal gib dem Ringenden Gestalt!
Es wuchs in Deinen treuen Liebesarmen
das zarte Bild, genannt Humanität.
Ein andres Werk soll jetzt aus Deinem warmen,
Empfänglichen Gemüt erstehen. – Spät
Vollendet sich der bildenden Vertrauten
In sichren Sternen fest bestimmter Lauf:
Sie fange formend aus verworrnen Lauten
Der werdenden Kultur Gemälde auf!
Laß mich nicht glauben, das, was meinem Leben
Seit frühen Tagen seine Richtung gab,
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|Erröten muß vor echterem Bestreben.
Wenn ich dies fühlte, wäre mir ein Grab
Auf heißem Schlachtfeld sehnlichste Vollendung;
Ich nähme dann das Schöne mit hinab,
Was Du mir gabst. – Soll ich auf meine Sendung
Noch weiter trauen, So bedarf ich tief
Ganz unbegrenzter geistiger Vereingung
Nicht bloßes Fühlen, nicht bloß gute Meinung. –
Ich kann verzichten. Jene Kraft, die rief:
"Gestalte dich an deinen Lebensstufen!"
Sie kann auch sagen: "dieses ist dein Ziel,
Ich will nun andere für dich berufen!"
Dann ist es aus, und meine Kugel fiel.
Verstehst Du nun dies brennende Begehren
Nach echtem Widerhall aus Deiner Brust,
Nach ungeteiltem? Meine Stunden zehren
Von Deinen Gaben. Würde mir bewußt:
"Du hast nicht mehr die alte tiefe Wahrheit,
Die mir ihr Herz bedingungslos geweiht",
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|Dann stünd' ich vor erbarmungsloser Klarheit:
"Das ist das Ende; keine neue Zeit
Ist dir beschieden. Denn die Stimme schweigt,
Die sonst in allen Zweifeln dir erklungen,
Durch die du dich bis hier emporgerungen".
Ich harre schmerzlich, ob ein Laut mir zeigt,
Daß bis ins Letzte Deine ganze Liebe
Mir treu, und mir als diesem bliebe.
Rings um mich sinken Edelste ins Grab:
Ich habe nichts als meines Geistes Streben.
Dafür tu Zeugnis, oder lehn es ab,
Verwirf mich, oder gib mir Recht zu leben,
Nur wenn Dein Herz die Kraft hat, ohne Wanken
Zu folgen in ein Meer von Weltgedanken,
Vollenden wir in reiner Lebensschau
Den Weg von St. Kathrin nach Reichenau!
Eduard.
Nov./Dez. 1914.