Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Dezember 1914 (Leipzig)


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Leipzig, den 11. Dezember 1914.
Liebe Freundin!
Ich danke für Deine Zeilen! Derartige Verhandlungen könnten leicht unzeitgemäß erscheinen; denn als ich die bittenden Worte an Dich richtete, da ahnte ich schon mit Sicherheit, was ich nun seit einigen Stunden genau weiß: Ich bin zur Infanterie A ausgehoben. Aber ich habe nichts zurückzunehmen und nichts zu ändern. Denn ich weiß, daß ich auf soldatischem Gebiet dem Vaterland wenig oder nichts nützen werde. Ich gehe diesen Weg, dem ich mich leicht entziehen könnte, weil es sich von selbst versteht, daß nicht der eine Gedanken haben soll, und der andre sie draußen bewähren, sondern daß das zusammenfallen muß. Aber der eigentliche Weg, der mir innerlich bestimmt ist, der liegt
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| nach wie vor anderwärts, und ich weiß, daß niemand auf ihm bis heute so weit gegangen ist, wie ich. Ich zweifle an dieser Kraft nicht mehr; aber ob ihr Vollendung beschieden ist?
Infanterie A heißt Inf. für die Front. Der Stabsarzt gab mir allerhand Hilfen, da ich aber auf nichts anbiß, so stellte er dem Major zur Wahl, ob Train A oder Infanterie A. Die Entscheidung ist die für mich ungünstigere. Es liegt auch in meinem Temperament, hier schwarz zu sehen. Ich werde dem Dienst nicht gewachsen sein, schon in der Ausbildung nicht, und im Felde wohl noch weniger. Die Natur hat mir, wie Sie wissen, leider einen Körper gegeben, der schon gegen das Friedenswerk jahrelang revoltiert hat. Doppelt traurig, weil nun die zahlreichen Miesmacher hier sagen können: fern vom Schuß hast Du gut geredet und im Ernstfall nichts geleistet.
Ich rechne damit, daß die Einziehung meines Jahrganges im März oder April erfolgt. In
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| Leipzig ist man bis 1892, in Berlin bis 1889. Denn der Registrator ist bereits eingezogen.
Natürlich hätte ich sonst noch tausenderlei zu schreiben. Aber teils habe ich schon 5 Stunden heute Vorm. durch die Warterei verloren, teils ist eine militärische Musterung etwas so Ekelhaftes, daß ich noch garnicht wieder atmen kann. Außerdem ist heut Abend Seminar, und von morgen an enorm zu tun, nicht nur für den Vortrag am Montag, der eigentlich von prinzipieller Bedeutung werden soll, sondern auch, weil ich in allerhand Kommissionen gewählt bin. Mit Riehls war es sehr nett. Nur pflegt nach ihren Leipziger Besuchen immer ein entscheidendes Ereignis am darauffolgenden <gestrichen: Wort unleserlich> Freitag einzutreten. Der Tag ist überhaupt funest: Die "Leipzig" und unsre andern Kreuzer! Die ganze Stadt hat Halbmast geflaggt.
Hoffentlich habe ich in den Weihnachtsferien mit dem militär. Urlaub keine Schwierigkeiten Sonst müssen Sie mal wieder herkommen.
Für heute nur diese tatsächliche Nachricht. Viel herzliche Grüße auch an die Tante
Dein Eduard.