Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Dezember 1914 (Leipzig)


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Leipzig, den 13.XII.14.
Liebe Freundin!
Gewiß sind Sie unzufrieden mit dem abratenden Telegramm. Aber wir hätten garnichts voneinander. Fügen Sie in den bekannten Stundenplan Montag Abend den Vortrag, Dienstag 9-11 Examen, 5-6 1. Sitzung 6-8. 2. Sitzung. Mittwoch 5 Uhr ff. 3. Sitzung (alles unumgehbar), so sehen Sie, daß es mit den nötigen Vorbereitungen den Tag absolut ausfüllt. Der Vortrag wird möglicherweise gedruckt. Berühmt wird er nicht sein, denn ich hatte gestern u. heute wichtige Sitzungen schwierigster Art, besonders heute mußte ich den Vorsitz in einer Sache führen, die Hindenburgsche Strategie erfordert.
Selbstverständlich wäre mir eine Aussprache mit Ihnen erleichternd; denn ich bin nun wieder zwischen 2 Welten. Aber wir würden der
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| Frage keine neue Seite abgewinnen. Es ist so gut wie sicher, daß mein Jahrgang zur Ausbildung erst später an die Reihe kommt. Denn da alles gewonnen worden ist, so sind die vorangehenden Jahrgänge 1892 - 1883 sehr ergiebig. Auch würde ich sicher bis 1.III für unabkömmlich erklärt. Aber daß die Reihe an mich kommt, ist mir [über der Zeile] ebenfalls so gut wie sicher. Denn England wird den Krieg so lange hinziehen, wie irgend denkbar. Komme ich aber in den Krieg, so bin ich meiner völligen physischen Hilflosigkeit sicher. Nur heißt es da, die Idee hochhalten und nicht für sich Ausnahmen von dem zu wünschen, was man von andern fordert oder annimmt. Hier waltet also die undurchdringliche Verkettung äußerer Schicksale, und mit Energie oder Besinnung ist nichts dazu zu tun und nichts davon zu nehmen. An körperliche Übung kann ich vor der Einbe
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|rufung schon deswegen nicht denken, weil ich garnicht die Zeit habe. Außerdem aber will und muß ich sehen, was ich bis dahin noch unter Dach und Fach bringe. Denn die Lebensansicht, die sich in mir gestaltet hat, soll doch auch in irgendeiner Form Ausdruck finden.
Ich schreibe nun heute nicht mehr, weil ich meine Zeit leider furchtbar einteilen muß. Bitte aber schreiben Sie mir, auch was Sie für Nachrichten von Kurt, Hermann, Georg Weise u. s. w. haben. Wenn es einen Sinn haben sollte, bitte ich Sie, Ende der Woche noch herzukommen. Es ist dann aber vernünftiger, das Ganze nach Berlin oder nach Cassel zu verlegen, wo wir doch gemütlicher leben.
NB. Mein Vater darf von der Landsturmsache nichts wissen!
Ich weiß, daß Sie diesen kurzen Brief nicht mißverstehen werden. In Dankbarkeit für alles, was Sie mir sind und sagen
treulichst
Dein
Eduard.